Zum Tod von Prof. Dr. Rita Süssmuth – Wegbereiterin der HIV- und Aidsprävention
Mit Rita Süssmuth verliert Deutschland eine der prägendsten Stimmen für Aufklärung, Mitmenschlichkeit und gesellschaftlichen Fortschritt. Als Bundesgesundheitsministerin stellte sie sich entschlossen gegen die Stigmatisierung von Menschen mit HIV und Aids – und legte damit den Grundstein für die moderne Präventionsarbeit in Deutschland.
Mit großem Respekt und tiefer Dankbarkeit gedenkt die Aidshilfe NRW Prof. Dr. Rita Süssmuth, einer der prägenden Persönlichkeiten der deutschen Gesundheits- und Gesellschaftspolitik des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ihr herausragendes Engagement für Aufklärung, Prävention und den Abbau von Stigmatisierung hat den Umgang mit HIV und Aids in Deutschland grundlegend geprägt.
Als Bundesgesundheitsministerin in den 1980er Jahren traf Rita Süssmuth mutige Entscheidungen in einer Zeit, in der Angst, Unsicherheit und Ausgrenzung das Klima bestimmten. Motiviert durch die Gespräche des offen HIV-positiven Ministerialbeamten Siegfried Dunde setzte Süssmuth auf Aufklärung statt auf Repression, auf Dialog statt Ausgrenzung. Unter ihrer Verantwortung entstanden Grundlagen für eine moderne, solidarische HIV-Präventionsarbeit, die auf Vertrauen, Akzeptanz und Partnerschaft mit den von HIV betroffenen Gruppen und der Zivilgesellschaft basierte.
Mit dieser Haltung trug sie wesentlich dazu bei, dass die Stimmen der Betroffenen gehört und gesellschaftliche Vorurteile abgebaut wurden. Rita Süssmuth war eine unerschütterliche Verbündete queerer Menschen und engagierte sich über Jahrzehnte für gleiche Rechte und gesellschaftliche Teilhabe.
Für diesen herausragenden Einsatz verlieh ihr das damals Schwule Netzwerk NRW (heute Queeres Netzwerk NRW) im Rahmen des mit der Aidshilfe NRW gemeinsam ausgerichteten CSD-Empfangs 2004 die Kompassnadel. Diese Ehrung würdigte ihre langjährige Unterstützung für Akzeptanzarbeit, Gleichstellung und Solidarität mit Menschen, die von HIV betroffen sind oder aufgrund ihrer sexuellen Identität Diskriminierung erfahren.
„Rita Süssmuth hat in einer Zeit der Unsicherheit Menschlichkeit zu einem politischen Prinzip gemacht“, sagte Wolfgang Blischke, seinerzeit Vorstand des Schwulen Netzwerks NRW, in seiner Laudatio. „Sie hat sich schützend vor Betroffene gestellt, Aufklärung ermöglicht und den Grundstein für die Entstigmatisierung gelegt. Ihr Wirken hat nicht nur Leben verändert – es hat Leben gerettet.“
Auch die Deutsche Aidshilfe würdigt ihr Engagement: „Rita Süssmuth war eine Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit, als beides dringend gebraucht wurde“, erklärt Vorstand Silke Klumb. „Ihr Mut, zuzuhören, statt zu verurteilen, war wegweisend und bleibt bis heute Vorbild für gelingende Gesundheitspolitik und gesellschaftlichen Zusammenhalt.“
Mit Rita Süssmuth verliert Deutschland eine Politikerin und Humanistin, deren Haltung von Empathie, Klarheit und Standhaftigkeit geprägt war. Ihr Vermächtnis bleibt ein Kompass für all jene, die sich für Aufklärung, Respekt und Solidarität einsetzen.
Prof. Dr. Rita Süssmuth, geboren 1937, war Wissenschaftlerin und Vordenkerin der Sozial- und Gesundheitspolitik. Nach ihrer Promotion und Professur für Erziehungswissenschaften trat sie in die CDU ein. 1987 holte sie Helmut Kohl als Bundesgesundheitsministerin in sein Kabinett. Ihre vorbehaltlose und wissenschaftsorientierte Herangehensweise an das Thema HIV und Aids setzte neue Maßstäbe für Prävention und Kommunikationspolitik.
Von 1988 bis 1998 war Rita Süssmuth Präsidentin des Deutschen Bundestages und prägte die politischen Debatten mit Haltung, Sensibilität und einem unerschütterlichen Glauben an die Würde jedes Menschen. Auch nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik engagierte sie sich weiter in gesellschaftlichen Initiativen zu Integration, Frauenrechten, Bildung sowie Gesundheits- und Aufklärungsarbeit.
Die Deutsche Aidshilfe erinnert mit einem digitalen Gedenkbuch an ihr Ehrenmitglied Rita Süßmuth, die den Umgang mit der Aidskrise entscheidend geprägt hat. Das Gedenkbuch findest du unter magazin-hiv.
