K2 LEBEN MIT HIV
Long-Acting versus Strong-Acting
Referent*innen
Dr. Guido Schäfer | Infektiologisches Centrum Hamburg
Dr. Hannah Linke Uniklinik Münster
Birgit Körbel | Aidshilfe NRW

Kontext
Das Magazin „Science“ bezeichnete im Jahr 2024 die HIV-Long-Acting-Therapie als „Breakthrough of the Year“. Dabei geht es im Kern um eine einfache Frage: Sechs Injektionen im Jahr oder 365 Tabletten – was ist besser, was ist einfacher, und was bedeutet mehr Freiheit im Alltag der Patient*innen.
Denn Therapie und regelmäßige Medikamenteneinnahme können eine psychosoziale Herausforderung darstellen. Komedikationen, Komorbiditäten und die virologische Suppression als zentrales Bewertungsmerkmal müssen dabei ebenso berücksichtigt werden wie die Frage der informierten Selbstbestimmung.
Mit dem Strong-Acting – der täglichen Einnahme von Tabletten – bestehen langjährige Erfahrungen. Die Tabletten haben eine hohe Resistenzbarriere und eine hohe Forgiveness, sind unabhängig von BMI und Virussubtyp, und die Therapiezufriedenheit ist hoch. Für Ärzt*innen ist Strong-Acting zudem lukrativer, da erhöhter Aufwand bei einer Pauschalabrechnung nicht vergütet wird.
Die Injektionen hingegen können schmerzhaft sein; manche Betroffene können danach drei bis sechs Tage nicht richtig sitzen oder laufen. Mit einem Silikonimplantat im Gesäß ist eine Long-Acting-Therapie nicht möglich. Viele Patient*innen bleiben lieber bei dem, was sie kennen, andere warten noch ab, bis die „Kinderkrankheiten“ der neuen Therapieform überwunden sind.
Die tägliche Einnahme von Tabletten kann zur Belastung werden. Mehrere Regime am Tag führen zu Schwierigkeiten, manche Betroffene stellen sich einen Wecker, um sie nicht zu vergessen, andere empfinden sie als schwer zu schlucken. Durch unregelmäßige Einnahme können zudem problematische Insti-Resistenzen entstehen. Bislang liegt der Anteil des Long-Acting im einstelligen Prozentbereich – auch weil es für Ärzt*innen mehr Aufwand bedeutet: Es braucht ein Behandlungszimmer und eine medizinische Fachkraft. Dennoch kann die richtige Therapieentscheidung das Leben mit HIV verändern.
Für Menschen, denen die tägliche Tabletteneinnahme eine Hürde darstellt, kann das Long-Acting – eine Depotspritze ins Gesäß alle zwei Monate – somit eine befreiende Alternative sein. Überbrückend, etwa bei längeren Reisen, kann auch auf Tabletten zurückgegriffen werden. Es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede, aber bereits eine Studie, an der 58 % Frauen teilgenommen haben, sowie erste Daten zu Schwangeren.
Die Wahl des richtigen Regimes ist eine individuelle Entscheidung, die nur im Gespräch zwischen Ärzt*innen und Betroffenen getroffen werden kann. Dabei muss der Kontext berücksichtigt werden: Werden Drogen konsumiert? Ist eine Reise geplant – und wohin? Besteht ein Kinderwunsch? Ein Wechsel zwischen den Regimen ist nicht ohne Weiteres möglich, da Long-Acting-Medikamente noch lange im Körper verbleiben.
Unabhängig vom gewählten Regime bleibt der regelmäßige Kontakt zwischen Ärzt*innen und ihren Patient*innen zentral – ob im zweimonatigen Rhythmus beim Long-Acting oder im drei-monatigen Intervall beim Strong-Acting. Dieser Kontakt ist eine Art Ritual, das die Therapietreue unterstützt und sicherstellt, dass Veränderungen und Probleme frühzeitig erkannt werden.
Die Versorgungslage spielt ebenfalls eine Rolle: Auf dem Land ist die Anbindung an Schwerpunktpraxen mitunter lückenhaft. Für Menschen mit einer Suchtproblematik können die Abstände beim Long-Acting eine zusätzliche Herausforderung darstellen, weil sie einen weiteren Termin bedeuten, der eingehalten werden muss.
Letztlich ist die Wahl des Regimes eine höchst individuelle Entscheidung, die nur im direkten Gespräch zwischen Ärzt*innen und ihren Patient*innen getroffen werden kann, mit dem Ziel, Therapiesicherheit zu gewährleisten und Lebensqualität zu verbessern.
Zum Abschluss des Tages wurde in Bezug auf die Kontroverse folgende Frage gestellt: Lieber täglich schlucken oder „pain in the ass“?
81,8 Prozent antworteten mit SCHLUCKEN
18,2 Prozent antworteten mit PAIN

