K5 SUBSTANZKONSUM
Chemsex - Slamsex: Kontrollierter Konsum - erfolgreiche Strategie oder lediglich Utopie?
Referent*innen
Anne Iking | salus klinik Hürth
Christopher Clay | sidekicks.berlin
Dieter Kiesewetter | Aidshilfe Essen

Kontext
Der Begriff Chemsex – der Konsum von Drogen im sexuellen Kontext – ist rund 25 Jahre alt und betrifft vor allem MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) und Transpersonen. Rund 10 bis 20 Prozent der MSM konsumieren dabei Drogen; rund 2 Prozent slammen, also konsumieren intravenös, eine Praxis, die sich als Fetisch auch in speziellen Pornofilmen wiederfindet. Für einen Teil dieser Männer ist Sex ohne Substanzen kaum mehr vorstellbar.
Während der intravenöse Konsum durch eine besonders schnelle Anflutung des Wirkstoffs im Gehirn gekennzeichnet ist, bleibt ein langfristiges Risiko des Slammens oft unerwähnt: Die Venen können so geschädigt werden, dass sie für Blutabnahmen nicht mehr geeignet sind. Innerhalb der Konsumentenszene selbst gibt es eine Wertung: Konsumenten von GHB oder Speed gelten als akzeptabler als etwa Konsumenten von Crystal Meth.
Die grundlegenden Fragen lauten: Was funktioniert in der Risikoaufklärung – und ist Akzeptanz bereits Verharmlosung?
Menschen, die in die stationäre Therapie kommen, haben bereits eine Schwelle überschritten. Ihre Motivation ist ein zentraler Aspekt der Behandlung. Der Weg dorthin führt häufig über communitynahe Beratungsstellen – wobei Mediziner*innen mitunter von der akzeptierenden Haltung der Aidshilfen überrascht sind.
Die stationäre Therapie dauert bei einer Chemsex-Abhängigkeit in der Regel 22 Wochen. Zunächst gibt es eine Reizschutzphase, danach erfolgt eine schrittweise Wiederannäherung an Sexualität. Für die meisten Patient*innen ist eine abstinenzorientierte Behandlung der sinnvollste Ansatz. Ein dauerhaft kontrollierter Konsum ist allenfalls vorübergehend möglich; als Gruppenangebot lässt er sich im stationären Setting nicht umsetzen.
Die Therapie setzt bewusst realistische Ziele. Es geht um Abstinenzbefähigung, nicht um eine statische Abstinenz – die persönliche Strategie kann in kleine Etappen gegliedert sein. Auch die Begrenzung eines Rückfallereignisses gilt als Erfolg. Zwei Jahre ohne Rückfall sind ein Therapiegewinn, denn letztlich geht es um lebensverlängernde Maßnahmen.
Harm Reduction ist eine eigenständige Alternative zur abstinenzorientierten Therapie – und weit mehr als der bloße Hinweis auf Drogenrisiken oder das Austauschen von Spritzen. Gelegentlicher Chemsex muss nicht zwangsläufig gesundheitliche Folgen haben, und die Grenze zwischen kontrolliertem und problematischem Konsum verläuft fließend und individuell verschieden.
Um Harm Reduction wirksam zu gestalten, gilt es, die Motivationen für Chemsex zu verstehen. Die zentrale Frage lautet: Welches unerfüllte Bedürfnis erfüllt der Chemsex ? Es geht nicht nur um die Bewältigung von Problemen, sondern auch um die Lust am Ausprobieren.
Je mehr Stigma es gibt, desto dringender werden solche Strategien – und desto kontraproduktiver wirkt der erhobene Zeigefinger.
Die Verbindung von Sexualität und Substanzkonsum ist ein relevanter Faktor in der Entstehung von Abhängigkeiten. Abstinenz in der Therapie ist kein Selbstzweck. Eine HIV-Infektion oder eine Migrationserfahrung kann neben der Suchterkrankung zu einer Mehrfachstigmatisierung führen, die zusätzliche Unterstützung erfordert.
Als wachsendes Problem gilt Monkey Dust – eine synthetische Droge mit einem Suchtpotenzial, das das von Kokain um ein Vielfaches übersteigt.
Nicht die Verteufelung von Drogen darf im Mittelpunkt stehen – die Entstehung von Abhängigkeiten muss im Fokus bleiben.
Beratung und Prävention müssen Menschen erreichen, bevor sich eine Abhängigkeit entwickelt.
Substanzkonsum und Chemsex müssen entstigmatisiert werden.
Zum Abschluss des Tages wurde in Bezug auf die Kontroverse folgende Frage gestellt: Müssen wir mehr vor Chemsex warnen?
73,1 Prozent antworteten mit JA
26,9 Prozent antworteten mit NEIN

