Genf verschreibt Kokain gegen die Crack-Krise
In den kommenden Monaten erhalten schwer abhängige Crack-Konsument*innen pharmazeutisches Kokain nach dem Vorbild der Heroinabgabe.
Die Schweiz hat ein Problem, das in keinen Tresor passt. Die alpine Bastion der Neutralität und Hüterin des globalen Kapitals sieht sich von einer Substanz belagert, die nichts von helvetischer Zurückhaltung versteht. Crack-Kokain, eine Droge, die weder Bankkonto noch Alpenblick verlangt, hat sich in Gassen und Pärken eingenistet wie ein ungebetener Gast, der die Hausordnung nicht lesen will. In Luzern sitzen Tourist*innen mit Rollkoffern neben Drogenkonsumierenden, die mit Glasröhrchen Crack rauchen. Anwohnende von Chur bis Zürich sorgen sich und die Gründe liegen vielfach auf der Hand.
Berichte der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht (Infodrog) sowie von kantonalen Gesundheitsdepartementen dokumentieren die Ausbreitung der Droge. Besonders in Genf, wo man sonst gerne über das Leid ferner Länder konferiert, stellte man schon vor vier Jahren fest, dass das Elend direkt vor der eigenen Haustür parkt. Die Wiege humanitärer Konventionen erlebt die Krise mit besonderer Intensität.
Parallel dazu hat sich die fachliche Debatte über den Umgang mit Crack-Konsum verschoben. Nachdem Crack lange Zeit als nicht therapierbar in den Zuständigkeitsbereich von Polizei und Sozialarbeit verbannt worden war, vollziehen Fachleute nun eine Kehrtwende.
Verschreiben statt verbieten
Das Genfer Universitätsspital bereitet sich darauf vor, Kokain auf Rezept zu verschreiben beziehungsweise vor Ort in die rauchbare Freebase-Form umzuwandeln und zu verabreichen. Das ist eine pharmazeutische Lösung für das schwer zu bewältigende Problem der Crack-Abhängigkeit und ein Novum in der Weltgeschichte der Drogen und des Umgangs mit Sucht. Der Architekt dieses bemerkenswerten Projekts heißt Daniele Zullino, Leiter der Genfer Suchtpsychiatrie und seit drei Jahrzehnten auf dem Gebiet der Suchtmedizin tätig, wo er seit zwanzig Jahren die lokale Heroinabgabe leitet.
„Die rechtlichen Voraussetzungen sind erfüllt, die Substanz ist vorhanden“, sagt Zullino im Gespräch. „Was noch fehlt, sind geeignete Räume: ein Inhalationsraum, ein Raucherzimmer, eine ausreichende Belüftung. Der Beginn ist in den nächsten Monaten geplant.“ Wo diese Räume entstehen, das sei klar: Das Programm, das Teil einer umfassenden Strategie der Genfer Regierung gegen die Crack-Epidemie in der Stadt ist, wird in denselben Räumen des Universitätspitals stattfinden, in denen bereits die heroingestützte Behandlung läuft.
Zullino legt Wert auf die Begrifflichkeit, weil sie politisch und rechtlich entscheidend ist: „Es geht nicht um die Abgabe einer Droge, sondern um ihre ärztliche Verschreibung“ – also um Therapie, nicht um Konsum. Es sei demnach „kein Konsumraum“, also „keine Kontakt- und Anlaufstelle“, sondern ein „Therapieraum“. Und die Zielgruppe sind natürlich nicht Wochenend-Hedonist*innen mit der Fähigkeit, Kokainkonsum auf Vernissagen als Networking zu verbuchen, sondern jene Menschen, deren Lebenslauf auf der Straße endet.
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