HIV KONTROVERS 2026 im Kölner Maritim
Zum neunten Mal laden die Deutsche AIDS-Gesellschaft und die Aidshilfe NRW an diesem Samstag zur Fachtagung HIV-KONTROVERS ein. Rund 200 Expert*innen aus Aidshilfen, Positiven-Selbsthilfe, Prävention, Medizin, öffentlichem Gesundheitswesen, ambulanter und stationärer Versorgung, Politik und Verwaltung und Menschen mit HIV/Aids aus ganz Nordrhein-Westfalen haben sich angemeldet. HIV-KONTROVERS bietet einen Rahmen, zu Fragen rund um HIV und Aids pointiert, kontrovers und kritisch und das auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen.
Aktuelle Herausforderungen an die Präventionsarbeit macht die Kooperation und Vernetzung zwischen dem medizinischen System, dem öffentlichen Gesundheitsdienst und den Aidshilfen sowie anderen freien Trägern immer wichtiger. Indem die Träger und die Zielgruppen der HIV- und STI-Prävention ihr Wissen teilen und darüber kontrovers diskutieren, wird HIV-KONTROVERS zu einem besonderen Element der Qualitätsentwicklung der HIV- und Aidsprävention in Nordrhein-Westfalen.
Expert*innen aus ganz Deutschland treten in sieben Kontroversen mittels Pro- und Contra-Positionen in einen Meinungs- und Erfahrungsaustausch, an dem auch das Publikum teilnehmen kann.
In der ersten Kontroverse unter dem Titel "HIV-Test für alle? Ja oder nein?" diskutieren Silke Klumb von der Deutschen Aidshilfe und der Kölner Immunologe Stefan Scholten ob der HIV-Test stärker normalisiert und etwa in Routineuntersuchungen wie den Check-up 35 oder bei entsprechenden klinischen Auffälligkeiten standardmäßig angeboten werden soll, um Früherkennung zu verbessern und Übertragungen zu reduzieren? Oder wären zielgruppenspezifische Angebote nicht generell effektiver? Hätten Routinetests ohne begleitende Prävention, Beratung und klare freiwillige Zustimmung der Patient*innen nicht nur begrenzten Nutzen und könnten zusätzliche Belastungen für Versorgungssystem und Patient*innen mit sich bringen? Diese Fragestellung wird in einer anschließenden Talkrunde von dem Kölner Arzt Konrad Isernhagen, Cornelia Kolberg-Liedtke von der Hochschule Bochum und Oliver Schubert von der Aidshilfe Köln weiter erörtert.
In der zweiten Kontroverse "Leben mit HIV: Long-Acting versus Strong-Acting" diskutieren Guido Schäfer vom Infektionsmedizinischen Centrum Hamburg und Hannah Linke von der Uniklinik Münster, welche Unterschiede zwischen langwirksamen HIV-Therapien, etwa Injektionen alle ein bis zwei Monate, und hochpotenten täglich einzunehmenden „Strong-Acting-Medikamenten“ hinsichtlich Wirksamkeit, Flexibilität, Kosten, Therapieadhärenz und Lebensqualität der Patient*innen bestehen.
In der Kontroverse "Hepatitis C: Sofort behandeln oder warten wir erst einmal ab, bis sie chronisch wird?" streiten die Bonner Ärztin Carolynne Schwarze-Zander und ihr Kölner Kollege Christoph Wyen, ob eine akute Hepatitis-C-Infektion aufgrund der sehr hohen Heilungsraten moderner direkt antiviral wirksamer Therapien frühzeitig behandelt werden sollte, um eine Chronifizierung zu verhindern, oder ob ein Abwarten sinnvoll ist, da ein Teil der Infektionen innerhalb der ersten sechs Monate spontan ausheilt und so mögliche Übertherapie, Kosten und Nebenwirkungen vermieden werden können.
Kontroverse 4 steht unter dem Titel "Sexkaufverbot: Ein klares Signal gegen Menschenhandel oder der schnellste Weg in die Illegalität". Wäre es wirksam, das bestehende Prostituiertenschutzgesetz zu reformieren und zu stärken, um Rechte, Gesundheitsschutz und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen zu verbessern, ohne die Prostitution in den Untergrund zu verdrängen oder sollte Deutschland zur vermeintlichen Bekämpfung von Menschenhandel, Ausbeutung und Gewalt ein Sexkaufverbot nach dem nordischen Modell einführen oder? Darüber streiten Simone Kleinert vom Bundesverband Nordisches Modell - zur Umsetzung des Gleichstellungsmodells in Deutschland, und Johanna Weber vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen.
"Chemsex: Kontrollierter Konsum - erfolgreiche Strategie oder lediglich Utopie?" lautet der Titel der fünften Kontroverse. Anne Iking aus der Salus Klinik in Hürth und Christopher Clay von Sidekicks in Berlin streiten darüber ob akzeptierende Präventionsstrategien mit Fokus auf Harm Reduction beim Chemsex – insbesondere beim Slamming – ein wirksamer Weg sind, um Risiken zu reduzieren, oder ob die Idee eines kontrollierten Konsums angesichts hoher Abhängigkeits-, Gesundheits- und Infektionsrisiken letztlich eine Illusion bleibt.
Unter der Überschrift "HIV-Impfstoffforschung: Hoffnung oder ewige Sackgasse?" streiten der Essener Mediziner Mirko Trilling und seine Münchner Kollegin Eva Wolf darüber, ob es angesichts großer wissenschaftlicher Hürden, wiederholter Rückschläge und eines möglichen Zeithorizonts von Jahrzehnten sinnvoll ist, weiterhin intensiv an einem HIV-Impfstoff zu forschen, oder Ressourcen eher in den Ausbau bereits wirksamer Präventionsmaßnahmen wie PrEP, Kondome und Therapieprogramme investiert werden sollten.
In der Kontroverse 7 diskutieren Michael von Wagner von der Uni Frankfurt und Simon Herchenbach von der Deutschen Aidshilfe unter dem Titel "KI und HIV: Effizienzgewinn oder Ethikfalle?". Sollte der Einsatz von KI in der HIV-Versorgung trotz Risiken wie Bias, Datenschutzproblemen und möglicher Stigmatisierung vorangetrieben werden, weil sie Therapiebegleitung, Diagnostik und Prävention effizienter und zugänglicher machen kann? Oder sollten menschliche Expertise und klassische Versorgungsstrukturen im Vordergrund bleiben, da sie für empathische Beratung, Datenschutz und partizipative Entscheidungen unverzichtbar sind?
In einem Grußwort unterstrich Derya Karadag, Bürgermeisterin der Stadt Köln, die Bedeutung des intensiven Austauschs zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik, um neue Entwicklungen früh zu erkennen und Präventionsangebote sowie Versorgung zu verbessern. "Fortschritt entsteht nur durch offenen Austausch – und manchmal auch durch Kontroversen. HIV-Kontrovers schafft dafür einen wichtigen Raum: für eine faktenbasierte, kritische und gemeinsame Diskussion", so Bürgermeisterin Karadag.
Weitere Informationen finden Sie unter https://nrw.aidshilfe.de/themen/hiv-kontrovers.
