Jahresbericht 2025 der Drogenkonsumräume in NRW
Der Jahresbericht zeigt, wie sich Nutzung und Rahmenbedingungen nach der Pandemie stabilisiert haben – bei gleichzeitig wachsender sozialer Problemlage und steigendem Crackkonsum. Auf Basis standardisierter Daten aus zwölf Einrichtungen werden Entwicklungen sichtbar, die für Fachpraxis und Politik gleichermaßen relevant sind. Besonders in den Blick genommen wird in diesem Jahr die kreative und flexible Arbeit der Mitarbeitenden im Spannungsfeld rechtlicher Vorgaben und komplexer Bedarfe der Klientel.
Der Bericht ist in gedruckter Form bestellbar (kontakt@suchtkooperation.nrw), wird aber zugleich im neuen Datenportal der Suchtkooperation NRW veröffentlicht, das einen transparenten Zugang zu aktuellen Kennzahlen ermöglicht. Ein Blick in den Bericht lohnt sich für alle, die die Weiterentwicklung niedrigschwelliger Angebote fundiert mitgestalten möchten.
Zusammenfassung
Im Jahr 2025 wurden in den zwölf Drogenkonsumräumen in Nordrhein-Westfalen insgesamt 453.489 Konsumvorgänge dokumentiert, was einem erneuten Anstieg von 4,6 % gegenüber dem Vorjahr entspricht und die hohe Inanspruchnahme dieses niedrigschwelligen Angebots unterstreicht. Frauen waren daran mit 15,4 % beteiligt, Männer stellten weiterhin die deutliche Mehrheit der Konsumvorgänge (84,5 %), während Personen mit diverser Geschlechtsidentität nur einen sehr geringen Anteil ausmachten.
Sei 2016 haben auch erkennbar substituierte Personen Zugang zu den Drogenkonsumräumen; 2025 entfielen 144.485 Konsumvorgänge auf diese Gruppe, was einem Anteil von 31,9 % an allen dokumentierten Konsumvorgängen entspricht und damit leicht unter den Vorjahreswerten liegt. Bei Frauen machten substituierte Konsumentinnen 32,5 % der erfassten Konsumvorgänge aus, bei Männern lag dieser Anteil bei rund einem Drittel.
Auch in 2025 folgt die Verteilung der Konsumarten wie in den Vorjahren dem Trend, dass der Großteil der Konsumvorgänge aus Opioiden (60 %) besteht, gefolgt von Kokain (36 %) und dem sogenannten „Cocktail“Konsum (4 %). Betrachtet man den Konsum in Bezug auf Geschlechtszugehörigkeit , zeigt sich bei Frauen eine nahezu gleichmäßige Verteilung zwischen Opioid- (49 %) und Kokain-Konsum (47 %), was einen deutlichen Unterschied zu den Vorjahren darstellt. Die Substanzmuster zeigen, dass der Konsum von Opioiden mit 57,3 % weiterhin den größten Anteil an allen Konsumvorgängen ausmacht, gefolgt vom Kokainkonsum mit 38,3 % sowie dem Mischkonsum aus beiden Substanzen („Cocktail“) mit 3,9 %; Amphetamine und Benzodiazepine spielen mit jeweils deutlich unter einem Prozent eine nachgeordnete Rolle. Seit 2021 ist jedoch ein kontinuierlicher Rückgang des Opioidkonsums zu beobachten, während der Kokain- und insbesondere der Crackkonsum deutlich zunehmen. Im Jahr 2025 entfielen 32 % aller Konsumvorgänge auf Crack (145.344 KV) und damit fast doppelt so viele wie im Vorjahr; auf den ausschließlichen Kokainkonsum entfielen lediglich noch 6,3 % der dokumentierten Konsumvorgänge, sodass von insgesamt 173.751 Kokainkonsumvorgängen 83,7 % auf Crack entfielen. Die Fachpraxis führt diese Entwicklung unter anderem auf eine bessere Verfügbarkeit von Kokain, hohe Reinheitsgrade und eine spürbar verringerte Verfügbarkeit von Heroin auf den Schwarzmärkten zurück; zugleich werden die urbanen Drogenszenen als zunehmend verelendet und psychisch stark belastet beschrieben.
Auch die Konsumart spiegelt diesen Wandel wider: 2025 erfolgte mit 348.717 Konsumvorgängen rund 77 % des Konsums inhalativ, 21 % intravenös (95.864 Konsumvorgänge) und etwa 2 % nasal (8.861 Konsumvorgänge), während der orale Konsum mit 47 dokumentierten Vorgängen praktisch keine Rolle spielte. Damit setzt sich der in den Vorjahren beobachtete Trend fort, dass der intravenöse Konsum kontinuierlich zugunsten der inhalativen Konsumform zurückgeht. Geschlechtsspezifisch zeigt sich, dass Männer zu 77 % inhalativ und zu 21 % intravenös konsumieren, Frauen zu 78 % inhalativ und zu 20 % intravenös; bei Personen mit diverser Geschlechtsidentität dominiert der inhalative Konsum mit 96,5 % sehr deutlich. Zwar galt das Inhalieren lange als weniger schädliche Konsumform, inzwischen ist jedoch bekannt, dass insbesondere das Rauchen von Kokain beziehungsweise Crack mit erheblichen körperlichen, psychischen und infektiologischen Risiken verbunden ist.
Hinsichtlich der Altersstruktur zeigt sich, dass die Mehrheit der Konsumvorgänge im Jahr 2025 von Personen zwischen 36 und 55 Jahren durchgeführt wurde. Erstmals lag der Schwerpunkt bei den 46- bis 55-Jährigen, dicht gefolgt von den 36- bis 45-Jährigen, was darauf hindeuten könnte, dass die langjährige Klientel in den Drogenkonsumräumen insgesamt älter geworden ist.
Bei Männern stellten die 46- bis 55-Jährigen mit 38 % die größte Gruppe der Konsumvorgänge, gefolgt von den 36- bis 45-Jährigen mit 33 %. Bei Frauen lag der Schwerpunkt mit 45 % in der Altersgruppe der 36- bis 45-Jährigen, die zweitgrößte Gruppe bildeten die 46- bis 55-Jährigen mit 21 %. Menschen mit diverser Geschlechtsidentität nutzten die Drogenkonsumräume fast ausschließlich in den Altersgruppen 26 bis 35 und 36 bis 45; 90 % der Konsumvorgänge entfielen hier auf die 36- bis 45-Jährigen. Über den Zeitraum 2023 bis 2025 bleibt damit deutlich erkennbar, dass Männer die älteste Nutzergruppe darstellen, gefolgt von Frauen und Menschen mit diverser Geschlechtsidentität.
Die Einbindung der Drogenkonsumräume in das Hilfesystem zeigt sich insbesondere in den erbrachten Leistungen und der Vermittlung in weiterführende Angebote. Im Jahr 2025 wurden 6.994 ärztliche beziehungsweise medizinische Hilfen dokumentiert, was einem Anteil von 1,5 % an allen Konsumvorgängen entspricht; 27.418 psychosoziale Unterstützungsleistungen (6,0 % aller Konsumvorgänge) und 39.997 Safer-Use-Beratungen (8,8 %) verdeutlichen die Bedeutung der Einrichtungen als Orte medizinischer, psychosozialer und präventiver Unterstützung. Beratungen für erkennbar substituierte Klient*innen wurden in 2.635 Fällen erbracht und richteten sich vor allem auf die Risiken des Mischkonsums im Rahmen einer Substitutionsbehandlung sowie die Förderung von Stabilisierung und weiterführenden Hilfen. Insgesamt wurden 2025 7.283 Vermittlungen in weiterführende Hilfen dokumentiert – 2.986 bei Frauen und 4.297 bei Männern –, wobei keine Vermittlungen bei Personen mit diverser Geschlechtsidentität verzeichnet wurden. Ein Schwerpunkt lag auf der Weiterleitung in soziale Hilfen, insbesondere Notschlafstellen (1.740 Vermittlungen bei Frauen und 1.424 bei Männern), sowie der Anbindung an drogentherapeutische Ambulanzen (756 Vermittlungen bei Frauen und 1.613 bei Männern). Im Verhältnis zur Gesamtzahl der Konsumvorgänge ist der Anteil der Vermittlungen mit 1,6 % gegenüber den Vorjahren jedoch leicht rückläufig, was unter anderem auf die stark steigende Zahl der Konsumvorgänge bei gleichbleibenden personellen und zeitlichen Ressourcen zurückgeführt wird.
Drogennotfälle bleiben im Verhältnis zur Gesamtzahl der Konsumvorgänge zahlenmäßig gering, sind aber ein zentraler Indikator für die Bedeutung der Drogenkonsumräume als Überlebenshilfe. Im Jahr 2025 kam es innerhalb der Einrichtungen in 293 Fällen unmittelbar nach dem Konsum zu physischen oder psychischen Notfällen (49 Frauen, 244 Männer, keine Personen mit diverser Geschlechtsidentität), was einem Anteil von 0,06 % an allen Konsumvorgängen entspricht und damit auf Vorjahresniveau liegt.
Allen Menschen, die einen Drogennotfall erlitten, konnte das Leben gerettet werden. In allen Fällen leistete das Fachpersonal umgehend Erste Hilfe; in zwei Fällen waren Wiederbelebungsmaßnahmen erforderlich, 136-mal wurde notärztliche Hilfe hinzugezogen, in 98 Fällen ein Transport ins Krankenhaus veranlasst und 27-mal Naloxon verabreicht. Diese Maßnahmen zeigen insgesamt einen stabilen, leicht rückläufigen Trend seit 2023. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Notfälle im Umfeld der Einrichtungen zu: 2025 wurden 145 Drogennotfälle im Umfeld dokumentiert (2024: 132; 2023: 85), die 25 Frauen und 120 Männer betrafen, während keine Notfälle bei Personen mit diverser Geschlechtsidentität registriert wurden. Solche Vorfälle entstehen häufig vor dem Hintergrund längerer Wartezeiten oder fehlender Nutzungserlaubnis, sodass Konsumvorgänge in den öffentlichen Raum verlagert werden; die dort erforderlichen lebensrettenden Maßnahmen sind aufgrund der fehlenden Infrastruktur deutlich schwieriger umzusetzen als in den ausgestatteten Hilferäumen.
In der Gesamtschau macht der Jahresbericht 2025 deutlich, dass die Drogenkonsumräume in Nordrhein-Westfalen unverzichtbare Bausteine der niedrigschwelligen Suchthilfe sind, die sowohl zur Überlebenssicherung als auch zur Gesundheitsförderung und Schadensminimierung beitragen. Der anhaltende Anstieg der Gesamtkonsumvorgänge bei gleichzeitig sinkendem Anteil substituierter Konsumvorgänge, die deutliche Verlagerung der Konsummuster hin zu Crack und inhalativem Konsum sowie die Alterung der vorwiegend männlichen Klientel weisen auf komplexe und zunehmende Problemlagen hin, insbesondere im Kontext verelendeter Drogenszenen. Trotz hoher Belastung gelingt es den Einrichtungen, kontinuierlich medizinische, psychosoziale und präventive Leistungen zu erbringen und eine relevante Zahl von Vermittlungen in weiterführende Hilfen zu realisieren.
Zugleich machen die zunehmenden Drogennotfälle im Umfeld und die beschriebenen sozialen Verwerfungen deutlich, dass die bestehenden Drogenkonsumräume zwar einen wirksamen Schutzraum und Zugang ins Hilfesystem bieten, aber ohne zusätzliche Ressourcen und flankierende Maßnahmen im öffentlichen Raum nur begrenzt in der Lage sind, die wachsenden Herausforderungen dauerhaft aufzufangen.
