Kuratorium der Aidshilfe NRW diskutiert über die Situation drogenkonsumierender Menschen in NRW-Städten
Rudolf Henke nach fast 20 Jahren Kuratoriumsmitgliedschaft verabschiedet
Der Vorsitzende der Aidshilfe NRW, Arne Kayser, konnte drei neue Mitglieder im Kuratorium begrüßen: Henrik Große Perdekamp, Direktor des Kölner Maritim, die niedergelassene Kölner Infektiologin Dr. Katja Römer sowie Sven Wolf, Oberbürgermeister der Stadt Remscheid. Gleichzeitig dankte Kayser langjährigen Mitgliedern für ihr Engagement. Rudolf Henke, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Präsident der Ärztekammer Nordrhein, gehörte dem Kuratorium seit dessen Gründung im Jahr 2007 an. In vielfacher Weise hat er den Landesverband und dessen Arbeit unterstützt und fachlich wie politisch beraten. Ebenso verabschiedete die Aidshilfe NRW den ehemaligen Bielefelder Oberbürgermeister Pit Clausen und Elke Slawski-Haun, die über viele Jahre das HIV-Referat im Gesundheitsministerium leitete. Beide konnten an der Sitzung nicht teilnehmen.
Kuratoriumsmitglied Prof. Dr. Daniel Deimel berichtete dem Gremium ausführlich über die prekäre Situation drogenkonsumierender Menschen in den Städten. Dabei ging es nicht nur um die gesundheitlichen Risiken des Konsums, sondern auch um Obdachlosigkeit, fehlende niedrigschwellige Hilfsangebote und die Frage, wie Kommunen die Versorgung nachhaltig verbessern können. Die Diskussion machte deutlich: Wer die Situation offener Drogenszenen verändern will, muss die unterschiedlichen Problemlagen gemeinsam betrachten.
Zürich: Mehr als Konsumräume
In den vergangenen Monaten hat sich die Lage etwa rund um den Kölner Neumarkt deutlich verschärft. Mit der offenen Drogenszene ist auch die politische Debatte darüber intensiver geworden, wie die Stadt mit der Situation umgehen soll. Dabei wird häufig auf das „Zürcher Drogenhilfemodell“ verwiesen. Je nach politischer Perspektive stehen allerdings unterschiedliche Aspekte im Vordergrund: die einen verweisen auf Drogenkonsumräume und niedrigschwellige Hilfen, andere auf die Verdrängung der Drogenszene aus dem öffentlichen Raum.
Der entscheidende Punkt des Zürcher Ansatzes liegt jedoch gerade darin, dass diese Maßnahmen Teil eines integralen Gesamtkonzepts sind. Zürich hatte in den 1990er-Jahren eine der größten offenen Drogenszenen Europas. Repressive Maßnahmen und Polizeieinsätze hatten die Probleme nicht nachhaltig gelöst. Daraufhin entwickelte die Stadt einen Ansatz, der Prävention, Beratung und Therapie, Schadensminderung und Repression miteinander verbindet.
Das Zürcher Modell ist deshalb kein Baukasten, aus dem einzelne Maßnahmen herausgegriffen werden können. Es ist ein Gesamtkonzept.
Ein wichtiger Bestandteil sind niedrigschwellige Kontakt- und Anlaufstellen. Die Stadt Zürich investiert erheblich in Einrichtungen, in denen drogenkonsumierende Menschen nicht nur unter geschützten Bedingungen konsumieren können, sondern auch medizinische und soziale Unterstützung, Ruhe- und Aufenthaltsmöglichkeiten sowie Zugänge zu weiterführenden Hilfen erhalten.
Die Angebote sind bewusst so gestaltet, dass sie eine echte Alternative zum Aufenthalt in einer offenen Drogenszene darstellen.
Eine veränderte Drogenszene braucht veränderte Hilfen
Auch das Konsumverhalten in der offenen Drogenszene hat sich verändert. Während früher Heroin die prägende illegale Droge war, spielt inzwischen insbesondere Crack eine immer größere Rolle. Die Wirkung ist kurz und intensiv, der Konsumdruck entsprechend hoch. Das führt vielfach zu mehr Unruhe und Impulsivität und erschwert den Zugang zu längerfristigen Hilfen.
Für die Suchthilfe bedeutet das: Die Angebote müssen sich an die veränderte Realität anpassen. Es braucht niedrigschwellige, unmittelbar erreichbare Einrichtungen, in denen neben Konsummöglichkeiten auch medizinische Versorgung, Ruhe, Beratung und soziale Unterstützung angeboten werden.
Es braucht mehr niedrigschwellige Angebote
Für Köln lässt sich daraus einiges lernen. Die Stadt hat beschlossen, ein erstes Suchthilfezentrum zu bauen. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Angesichts der Größe und Komplexität der Situation wird eine einzelne Einrichtung jedoch nicht ausreichen. Notwendig sind mehrere gut erreichbare Angebote, insbesondere in der Innenstadt und dort, wo sich die betroffenen Menschen tatsächlich aufhalten.
Dabei muss auch die Perspektive der Stadtgesellschaft ernst genommen werden. Die Bürger*innen erwarten von ihren Kommunen, dass sie Lösungen für sichtbare Probleme im öffentlichen Raum entwickeln; wenn massive Präsenz von Drogenkonsumierenden und eine subjektiv empfundene zunehmende Unsicherheit dauerhaft bestehen bleiben und Kommunen zugleich wegen fehlender finanzieller Mittel nicht handlungsfähig sind, kann dies das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates und damit letztlich auch in unsere Demokratie gefährden.
Dabei geht es um mehr als Drogenkonsumräume. Gebraucht werden Orte mit Aufenthaltsqualität, medizinischer Versorgung, Sozialberatung, Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten sowie Zugängen zu weiterführenden Hilfen.
Auch der Umgang mit dem Kleinhandel innerhalb der Szene gehört zur Realität, die ein solches Konzept berücksichtigen muss. In Zürich trägt ein spezifischer Umgang mit dem Mikrohandel innerhalb der Einrichtungen dazu bei, den Handel und die damit verbundenen Konflikte aus dem öffentlichen Raum herauszuhalten. Gleichzeitig bleibt der Handel im größeren Stil verboten. Eine enge Abstimmung zwischen Suchthilfe und Polizei ist dafür entscheidend.
Ohne Wohnung keine nachhaltige Hilfe
Eine der größten Herausforderungen in Köln ist die Wohnungslosigkeit. In einer aktuellen Szenestudie zum Neumarkt waren rund 43 Prozent der Befragten straßenobdachlos.
Das ist mehr als eine Begleiterscheinung der Drogenproblematik. Wer keinen sicheren Ort zum Schlafen, Essen und Aufhalten hat, lebt unter Bedingungen, die gesundheitliche und soziale Krisen verschärfen. Gleichzeitig erreichen diese Menschen bestehende Hilfsangebote häufig nicht oder nur unzureichend.
Auch hier lohnt sich der Blick nach Zürich. Dort gibt es Notschlafangebote, in denen der Konsum von Drogen unter bestimmten Bedingungen toleriert wird. Solche niedrigschwelligen Angebote können Menschen erreichen, die von klassischen Hilfesystemen nicht oder nur schwer erreicht werden.
Wer die offene Drogenszene verändern will, muss deshalb auch die Obdachlosigkeit bekämpfen. Suchthilfe und Wohnungspolitik gehören zusammen.
Schnell, pragmatisch und vor Ort handeln
Zürich zeigt zudem, dass bei akuten Entwicklungen pragmatisches Handeln möglich ist. Als sich vor rund zwei Jahren in der Bäckeranlage eine offene Drogenszene entwickelte, reagierte die Stadt schnell und errichtete innerhalb von zwölf Wochen eine umfassende Kontakt- und Anlaufstelle in Containerbauweise. Die Konflikte im öffentlichen Raum gingen zurück, gleichzeitig erhielten die betroffenen Menschen Zugang zu Hilfe.
Auch Köln und andere Städte könnten von diesem Pragmatismus profitieren. Geeignete Immobilien und Standorte für Suchthilfeeinrichtungen zu finden, ist zweifellos schwierig. Niemand möchte eine offene Drogenszene in seiner Nachbarschaft – gleichzeitig braucht es Orte, an denen Hilfe tatsächlich stattfinden kann.
Umso wichtiger sind politische Entscheidungen, die nicht jahrelang aufschieben, was dringend gebraucht wird.
Aidshilfe NRW bleibt dran
Die Diskussion im Kuratorium der Aidshilfe NRW hat eine klare Richtung: Die gegenwärtige Situation verlangt nach mehr Gesundheitsversorgung, mehr niedrigschwelliger Suchthilfe und besseren sozialen Rahmenbedingungen – nicht nach einer Politik, die Probleme lediglich aus dem Blickfeld verschiebt.
Die Aidshilfe NRW wird sich deshalb auf kommunaler wie auf Landesebene weiterhin dafür einsetzen, die Versorgung drogenkonsumierender Menschen strukturell zu verbessern. Gesundheitsschutz, Menschenwürde und die Entlastung des öffentlichen Raums sind keine Gegensätze. Ein gut ausgebautes Hilfesystem kann beides leisten.
Gerade in Zeiten, in denen die Herausforderungen größer werden, braucht es eine Drogenpolitik, die hinsieht, handelt und niemanden zurücklässt. Dazu gehören konkrete Schritte: Drug-Checking-Angebote müssen ausgebaut und vor Ort muss eine leistungsfähige Infrastruktur für eine verlässliche und fachgerechte Analytik geschaffen werden. Ebenso braucht es einen rechtssicheren Rahmen, der den Mikrohandel in niedrigschwelligen Suchthilfeeinrichtungen ermöglicht und damit dazu beitragen kann, den Handel aus dem öffentlichen Raum in geschützte und kontrollierbare Strukturen zu verlagern. Hier ist die Politik gefordert, die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen.
Eine moderne Drogenpolitik muss die Realität anerkennen und entsprechend handeln: mit guter Analytik, niedrigschwelliger Hilfe, medizinischer Versorgung, Wohnangeboten und pragmatischen Lösungen statt Verdrängung.
