Lust auf Reden über Sex
Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil menschlicher Gesundheit. Hausärzt*innen können dazu beitragen, dass selbstverständlich und sensibel über sie gesprochen wird.
Sexualität ist ein integraler Bestandteil menschlicher Gesundheit. Dennoch wird sie in der medizinischen Kommunikation – insbesondere in der hausärztlichen Versorgung – häufig gar nicht, oder wenn dann nur selektiv und anlassbezogen thematisiert. Dabei ist sie diagnostisch, therapeutisch und präventiv von erheblicher Relevanz. Daher wurde das Sprechen über Sexualität auf dem Fachtag 2025 „Lust auf Reden – Sprechen über Sexualität in der medizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung und Versorgung“, Ende 2025 vom Projekt „Let’s talk about Sex“ der Deutschen Aidshilfe in Berlin durchgeführt, in den Fokus gerückt: Hausärzt*innen begleitenPatient*innen oft über viele Jahre, kennen ihre Lebenskontexte und genießen Vertrauen. Gerade hier sollte das Gespräch über Sexualität einen selbstverständlichen Platz haben.
Sexualität hat viele Dimensionen
Sexualität lässt sich als bio-psycho-soziales Erleben verstehen:
- Auf biologischer Ebene ist sie an körperliche Funktionen gebunden, die durch Erkrankungen, Behinderungen, operative Eingriffe oder medikamentöse Therapien beeinflusst werden können.
- Psychisch umfasst sie kognitive Bewertungen, Emotionen, Lernerfahrungen und mögliche Traumafolgen.
- Sozial ist Sexualität in Beziehungskontexte und kulturelle Normen eingebettet, die Erwartungen und „Skripte“ vorgeben und patriarchal geprägt sind.
Ergänzend werden in der Sexualmedizin drei Dimensionen unterschieden: Lust-, Fortpflanzungs- und Beziehungsdimension (Beier et al. 2017).
- Die Lustdimension umfasst die landläufig als „Sex“ bezeichneten Aspekte wie sexuelle Appetenz, Erregung oder Orgasmus.
- Die Fortpflanzungsdimension betrifft (unerfüllten) Kinderwunsch, Zeugung, Empfängnis und Verhütung, Schwangerschaft und Elternschaft.
- Die Beziehungsdimension spiegelt Bedürfnisse nach Bindung, Anerkennung und emotionaler Nähe wider.
Eine strukturierte Sexualanamnese sollte alle drei Dimensionen berücksichtigen, um Sexualität nicht auf genitale Funktionen oder heteronormative Praktiken zu verengen.
Reden über Sexualität ist nicht nur im Kontext von STIs und Verhütung wichtig
Im Kontext sexuell übertragbarer Infektionen (STIs) und Kontrazeption ist die Notwendigkeit eines Gesprächs über Sexualität noch am offensichtlichsten. Beratung zu Safer-Sex-Praktiken, Impfungen oder Testangeboten sollten zum medizinischen Standard gehören. Allerdings orientieren sich viele Gespräche – so sie denn stattfinden – noch an normativen Szenarien, die queere Lebensrealitäten, „normabweichende“ Präferenzen oder vielfältige Beziehungskonzepte unzureichend oder gar nicht einbeziehen.
Aber auch darüber hinaus besitzt die Sexualanamnese erhebliche diagnostische Bedeutung. Sexuelle Funktionsstörungen sind häufig; die GeSiD-Studie zu Gesundheit und Sexualität in Deutschland weist eine 12-Monats-Prävalenz nach ICD-11 von etwa 13–18 % in der Allgemeinbevölkerung aus (Briken et al. 2020) [das heißt, bei 13 bis 18 Prozent der Allgemeinbevölkerung von 18 bis 75 Jahren tritt innerhalb eines Jahres eine der in der 11. Version der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11) gefassten Störungen auf, Anm. d. Red.]. Darunter fallen vor allem
- die Dysfunktion verminderten sexuellen Verlangens,
- die Dysfunktion der (weiblichen und männlichen) sexuellen Erregung, insbesondere die ausbleibende Lubrikation und Schwellung der Genitalorgane sowie die fehlende nicht-genitale Reaktion auf adäquate Stimulation
- die Dysfunktionen des Orgasmus, insbesondere das Ausbleiben des Orgasmus
- die Dysfunktionen der Ejakulation, insbesondere die männliche vorzeitige Ejakulation
- sowie sexuelle Schmerzstörungen.
Den vollständigen artikel zum Thema “Lust auf Reden über Sex” findest du unter magazin.hiv.
