Trauer um Michael Jähme
Die Aidshilfe NRW trauert um Michael Jähme. Der langjährige Aktivist, ehemalige Landesvorsitzende und Ehrenmitglied der Aidshilfe NRW ist am 13. August 2026 im Alter von 67 Jahren infolge eines Bergunfalls gestorben.
Mit Michael Jähme verliert die Aidshilfe- und Schwulenbewegung in Nordrhein-Westfalen eine engagierte, streitbare und prägende Stimme. Über Jahrzehnte hat er die Entwicklung der Aidshilfe, der Positivenselbsthilfe und der schwulen Selbstvertretung mitgestaltet und sich konsequent gegen Stigmatisierung und Diskriminierung eingesetzt.
Jähme arbeitete viele Jahre für die Aidshilfe Wuppertal und wurde 1998 erstmals in den Landesvorstand der Aidshilfe NRW gewählt. Im Jahr 2000 übernahm er den Landesvorsitz, den er bis 2004 innehatte. In seine Vorstandszeit fielen unter anderem die Entwicklung des Leitbilds und die transkulturelle Öffnung des Verbandes. Mit der Kampagne „Säge weg“, bei der er selbst öffentlich in erster Reihe auftrat, konnten 2002/2003 seinerzeit angedrohte Kürzungen der Landesmittel im Aidsbereich abgewendet werden. Auch die Weiterentwicklung der JES-Selbsthilfe für Junkies, Ehemalige und Substituierte zu einem eigenständigen Landesverband begleitete er inhaltlich.
Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Vorstand blieb Michael Jähme der Aidshilfe NRW eng verbunden. Als wichtiger und streitbarer Gesprächspartner brachte er sich weiterhin in Debatten über HIV, Selbsthilfe, Prävention, gesellschaftliche Teilhabe und die Entwicklung der Aidshilfebewegung ein. Sein Blog „Termabox“ machte ihn zu einer weithin beachteten Stimme der Positivenselbsthilfe. 2012 ernannte ihn die Aidshilfe NRW zu ihrem ersten Ehrenmitglied.
Besonders wichtig war ihm, die überkommenen Bilder von HIV und Aids zu verändern. Jähme setzte sich dafür ein, Menschen mit HIV nicht auf ihre Infektion zu reduzieren, sondern ihre unterschiedlichen Lebensrealitäten sichtbar zu machen. Dabei gelang es ihm immer wieder, die verschiedenen Generationen von Menschen mit HIV miteinander ins Gespräch zu bringen, ohne die Unterschiede ihrer Erfahrungen und Lebensbedingungen zu verschweigen. Er verstand diese Unterschiede nicht als Trennendes, sondern als Ausgangspunkt für Austausch, gegenseitiges Verständnis und Solidarität. Dabei sprach er offen über die Erfahrungen der frühen Jahre der HIV-Pandemie: über Angst, Ausgrenzung, Schuld und Scham, aber ebenso über Selbstakzeptanz, Lebensfreude und die Möglichkeit, mit HIV ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
1990 hatte Michael Jähme selbst die Diagnose HIV erhalten. Er erlebte die damalige Gewissheit, nicht mehr lange zu leben, und entschied sich für ein engagiertes Leben in der Aidshilfe. Als Sozialpädagoge arbeitete er in der Aidshilfe Wuppertal und setzte sich dort beruflich und im Landesverband ehrenamtlich für Menschen mit HIV und Aids ein. Seine persönliche Erfahrung machte ihn zu einem wichtigen Zeitzeugen der HIV-Pandemie und der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um HIV und Aids.
Ein weiterer Schwerpunkt seines Engagements war die Erinnerung an die Verfolgung Homosexueller in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Seit 2012 widmete er sich der Biografiearbeit mit schwulen Männern und stärkte deren Bewusstsein für den eigenen Beitrag zur Zeitgeschichte. Im Rahmen der ARCUS-Stiftung führte er seit 2013 Zeitzeugeninterviews durch und dokumentierte die Lebensgeschichten schwuler und bisexueller Männer, die insbesondere nach 1945 weiterhin durch den § 175 StGB verfolgt und verurteilt wurden. Als Ansprechpartner für schwule und bisexuelle Männer in der ARCUS-Stiftung trug er dazu bei, Erfahrungen einer Generation zu bewahren, deren persönliche Entfaltung durch gesellschaftliche und rechtliche Repressionen massiv eingeschränkt worden war. 2015 wurde er für dieses Engagement mit der Kompassnadel des Queeren Netzwerks NRW ausgezeichnet.
Michael Jähme war Mitglied des Stiftungsrats der ARCUS-Stiftung, engagierte sich im Beirat des Projekts „positive stimmen“, des deutschen HIV-Stigma-Index der Deutschen Aidshilfe, die ihn 2021 ebenfalls mit der Ehrenmitgliedschaft auszeichnete, und war NRW-Kontaktmann für das „Archiv der anderen Erinnerung“ der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. An der Entwicklung bundesweiter Qualitätsstandards für die Befragung lesbischer und schwuler Zeitzeug*innen und deren Archivierung war er maßgeblich beteiligt. Auch diese Arbeit leistete er ehrenamtlich und mit großer persönlicher Hingabe.
Auch in der Lehre und Bildungsarbeit war Jähme als Zeitzeuge gefragt. Er berichtete über die Entstehung der Aidshilfebewegung, die HIV- und Aidskrise und die gesellschaftlichen Reaktionen auf die Epidemie. Für nachfolgende Generationen machte er erfahrbar, dass die heute erreichten Fortschritte bei Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Entstigmatisierung nicht selbstverständlich sind, sondern Ergebnis langjähriger politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.
Die Aufarbeitung der Geschichte von HIV/Aids in Köln lag ihm sehr am Herzen. Noch zuletzt war er Mitinitiator des Projekts „Aids in Köln“, das jetzt in seinem Sinne ohne ihn fortgesetzt werden muss.
Michael Jähme stand für eine Aidshilfe, die sich einmischt, Widerspruch aushält und Menschen mit HIV nicht stellvertretend, sondern gemeinsam mit ihnen zu Wort kommen lässt. Er verstand Selbsthilfe als Selbstvertretung und als politischen Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft. Dabei scheute er nicht den Streit. Seine pointierten Beiträge, seine Hartnäckigkeit und seine Bereitschaft, auch unbequeme Fragen zu stellen, haben die Debatten innerhalb der Aidshilfebewegung nachhaltig geprägt.
Die Aidshilfe NRW wird Michael Jähme als engagierten Mitstreiter, als wichtigen Zeitzeugen und als streitbaren Wegbegleiter in Erinnerung behalten. Sein Einsatz für die Rechte und die Würde von Menschen mit HIV, für die schwule Emanzipation und für eine lebendige Erinnerungskultur wirkt über seinen Tod hinaus.
Freund*innen, Weggefährten und Kolleg*innen werden Gelegenheit haben, in einer Gedenkfeier im Café Bach der Aidshilfe Köln Abschied von Michael Jähme zu nehmen. Der Termin wird noch bekanntgegeben.
