Wenn ein Chatbot die "Diagnose" stellt
Welche Rolle spielt die KI im Gesundheitswesen bereits und in welchen Bereichen wird sie vielleicht bald noch wichtiger werden?
Durch den demografischen Wandel steht das Gesundheitswesen vor großen Problemen: Viele Menschen in Gesundheitsberufen gehen in den nächsten Jahren in Rente. Gleichzeitig werden viele Patient*innen deutlich älter und dementsprechend behandlungsbedürftiger, und man sucht nach Möglichkeiten, wie man das ausgleichen kann.
Der KI wird hier zunehmend eine wichtige Schlüsselfunktion zugewiesen. Es gibt Krankenhaus-Chefs, die behaupten, innerhalb der nächsten zehn Jahre könnte man ein Drittel der Stellen durch KI ersetzen. Nachdem im HIV-Kontext international Fördermittel weggebrochen sind, wollen verschiedene Akteur*innen KI einsetzen, um diese Lücken auszugleichen. Bill Gates zum Beispiel hat gemeinsam mit OpenAI ein großes Projekt gestartet, um den sogenannten afrikanischen Gesundheitssektor effizienter zu gestalten und damit Menschen mit HIV besser versorgen zu können.
Klingt ja erst einmal nach einer klugen und guten Idee.
Gerade an diesem Beispiel sieht man aber eindeutig, wo die Grenzen der KI liegen: Wenn Menschen ihre HIV-Medikamente nicht erhalten, weil es diese schlicht nicht gibt, nutzt es ihnen wenig, sich mit einem Chatbot darüber unterhalten zu können, dass ihnen die lebenserhaltenden Medikamente fehlen. Das ist jetzt zynisch formuliert und bedeutet nicht, dass man nicht dennoch überlegen kann, wo man die KI künftigals Handwerkszeug einsetzen kann, um tatsächlich die Versorgung zu verbessern. Im Feld der internationalen HIV-Versorgung allerdings braucht es vor allem Geld, Medikamente und Zugang zur Therapie – und keine KI-Sprachmodelle.
KI-gestützte Dokumentation stellt nicht nur eine technische Erleichterung für die Ärzt*innen dar, sondern hat auch soziale Auswirkungen auf ihr Verhältnis zu den Patient*innen.
Manuel Hofmann
Wo wird denn KI bereits jetzt in unseren Arztpraxen eingesetzt?
Das reicht von der radiologischen Bildgebung und roboterassistierten Chirurgie bis zu Verwaltung und Dokumentation, beispielsweise in Form der KI-Transkription. Ärzt*innen zeichnen das gesamte Gespräch mit ihren Patient*innen auf und lassen es sich von der KI automatisiert für die Patient*innenakte zusammenfassen. Das kann prinzipiell auch eine sinnvolle Sache sein, weil Ärzt*innen sich besser auf die Patient*innen konzentrieren können und nicht mitschreiben müssen. Die Frage ist aber, ob Patient*innen dadurch vielleicht gehemmt sind, innerhalb dieser Sprechstunde auch sehr sensible Themen anzusprechen, wie etwa psychische Probleme, STI-Symptome oder andere, möglicherweise schambehaftete Dinge.
Dabei arbeiten gerade Aidshilfen seit vielen Jahren daran, Ärzt*innen darin fortzubilden, einen offenen Gesprächsrahmen gerade für solche Themen zu schaffen.
Als Aidshilfe müssen wir nun sehr genau schauen, wie wir innerhalb dieser neuen technischen Realität trotzdem einen Rahmen schaffen, der die Türen öffnet, um genau so etwas trotzdem besprechen zu können. Zum Beispiel, indem die Ärzt*innen nach Ende der Aufzeichnung fragen, ob es vielleicht noch zu anderen Dingen Redebedarf gibt. Uns allen muss bewusst sein, dass diese KI-gestützte Dokumentation nicht nur eine technische Erleichterung für die Ärzt*innen darstellt, sondern auch soziale Auswirkungen auf ihr Verhältnis zu den Patient*innen hat.
Das ganze Interview mit Manule Hofmann findest du unter aidshilfe.de.
