


Effektive Lösungen sind selten einfach
Rede von Arne Kayser, Landesvorsitzender der Aidshilfe NRW zum Jahresempfang der Aidshilfe NRW
Sehr geehrte Landtagsabgeordnete und Vertreter*innen der Politik, liebe Frau Bürgermeisterin, liebe Jana, lieber Frank, liebe Freund*innen aus unseren Mitgliedsorganisationen, liebe Gäste aus Nah und Fern, herzlich willkommen!
Wir leben in einer Zeit, in der uns immer öfter eingeredet wird, für jedes Problem gäbe es eine einfache, schnelle Lösung. Ein Knopfdruck, ein Schlagwort, ein Versprechen – und schon soll alles geklärt sein. Doch genau das ist der Irrtum. Die Welt, in der wir leben, ist komplex. Herausforderungen sind vielschichtig. Und wer behauptet, man könne sie mit simplen Antworten lösen, macht es sich eindeutig zu leicht.
Als Aidshilfen haben wir uns seit jeher den komplexen Fragen gestellt – und nicht nach den einfachsten Antworten gesucht. Statt vorschnelle Lösungen zu präsentieren, haben wir hingeschaut, zugehört und differenziert gehandelt. Denn die Realität von HIV und Aids war nie eindimensional. Wer wirksame und effektive Angebote schaffen will, muss bereit sein, Ambivalenzen auszuhalten und nachhaltige Wege zu gehen – auch wenn diese anspruchsvoller sind.
Gerade vor diesem Hintergrund wird deutlich, wo sich das Engagement von Aidshilfen besonders zeigt: in den komplexen Lebensrealitäten von Menschen. Ob in der Arbeit mit Drogenkonsument*innen oder mit Frauen im Kontext von HIV/Aids – überall dort, wo einfache Antworten nicht ausreichen, schauen wir differenziert hin, hören zu und entwickeln gemeinsam tragfähige Wege.
Statement Birgit Körbel, Vorstand der Aidshilfe NRW
Einfach? Komplex – oder vielleicht sogar kompliziert? Eigentlich nicht. Und dann eben doch. Rund 40 Prozent der Frauen erfahren von ihrer HIV-Infektion im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge. Dass Frauen in dieser sensiblen Phase überhaupt von ihrem HIV-Status erfahren, ist auch ein Erfolg der Aidshilfen. Doch darauf dürfen wir uns nicht ausruhen. Wir müssen fragen, welche weiteren Strukturen es braucht, um Frauen den Zugang zu Tests konsequent zu erleichtern. Worauf kommt es an? Auf mehr Testangebote, die sich gezielt an den Lebensrealitäten von Frauen orientieren. Darauf, mit Frauen über ihre gelebte Sexualität zu sprechen – und anzuerkennen, dass sie eine haben. Darauf, dass Frauen sichtbar werden und nicht nur „mitgemeint“ sind. Auf Bedingungen, die es Frauen ermöglichen, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Und darauf, über die PrEP zu informieren und auch Frauen den Zugang zur PrEP zu schaffen. So können sich Frauen aktiv vor einer HIV-Infektion schützen. Gleichzeitig müssen wir anerkennen: Weltweit sind über 50 Prozent der Menschen mit HIV Frauen. Wenn wir Aids beenden wollen, ist neben dem Zugang zur Versorgung vor allem eines entscheidend: eine konsequente und wirksame Prävention. Die tansanische Schauspielerin Efu Nyaki brachte es beim IFT 2026 auf den Punkt: „Half of the world are women. The other half are their children.“
Vielen Dank, liebe Birgit! Vielleicht darf ich an dieser Stelle ein weiteres Zitat bemühen: „Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann.“ Dieser Satz stammt von der großartigen Rita Süssmuth, von der wir uns im Februar verabschieden mussten.
Statement Willehad Rensmann, Vorstand Aidshilfe NRW
Ich möchte zwei Entwicklungen aus dem Drogenbereich hervorheben. Erstens: Wir beobachten sich verändernde Konsummuster bei drogengebrauchenden Menschen, ein Wiedererstarken repressiver Strategien, vor allem auf kommunaler Ebene und zudem stellen wir einen zunehmenden Widerstand von Bürger*innen gegen neue Suchthilfezentren fest. Hier zeigt sich: Wir brauchen pragmatische, lösungsorientierte Ansätze. Insbesondere aber auch Solidarität mit den Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Es muss doch möglich sein, den Umgang mit Mikrohandel ernsthaft zu diskutieren, wie Initiativen in Köln und Düsseldorf zeigen. Dazu gehört auch eine unideologische Debatte der landespolitischen und kommunalen Entscheidungsträger*innen. Zweitens: Die „Druck Serv-Studie“ des Robert Koch-Instituts zeigt alarmierende Entwicklungen bei HIV und Hepatitis C im Strafvollzug. Die 2030er-Ziele geraten zunehmend außer Reichweite. Doch statt zu handeln, wird das Studiendesign in der Justizverwaltung so interpretiert, dass die wenigen positiven Effekte als „nicht erfolgreich“ gelten – und keine weiteren Maßnahmen folgen. Selbst die Fachexpertise der Landeskommission AIDS wird ignoriert. Dabei rechtfertigen schon die minimalen Behandlungserfolge eine Umsetzung in den Haftalltag. Ab wie vielen geretteten Menschenleben lohnt es sich für das Justizministerium, in die Gesundheitsversorgung der in seiner Verantwortung liegenden Gefangenen zu investieren? Wer Prävention und Versorgung ernst nimmt, darf sich diese Haltung nicht länger leisten.
Vielen Dank, lieber Willehad, für diese eindringlichen Worte! Manchmal bin ich es leid, hier und an anderer Stelle in jedem Jahr die gleichen Themen anzusprechen. Aber wir dürfen nicht müde werden, die Politik an ihre Verantwortung zu erinnern. Viel besser ist, sie ins Boot zu holen und gemeinsam zu überlegen, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, um die Lebensbedingungen und gesundheitlichen Voraussetzungen derer zu verbessern, die sich an die Aidshilfe wenden.
Schon im vergangenen Jahr habe ich an dieser Stelle an die internationale Verantwortung Deutschlands erinnert: Wenn Länder wie die USA ihre Gelder für die globale HIV-Prävention drastisch kürzen, dürfen wir nicht zusehen. Und was ist passiert? Statt die Lücken zu schließen, stellt die Bundesregierung dem Globalen Fonds 300 Millionen Euro weniger bereit – das sind 23 Prozent weniger als im Vorjahr. Das hat Folgen: Laut Schätzungen von UNAIDS, dem Aids-Programm der Vereinten Nationen, ist bis Ende 2029 mit 350.000 zusätzlichen HIV-Infektionen bei Kindern, 8,7 Millionen zusätzlichen HIV-Infektionen bei Erwachsenen, 6,3 Millionen aidsbedingten Todesfällen und 3,4 Millionen zusätzlichen Aids-Waisen zu rechnen, wenn die US-Zahlungen nicht wiederaufgenommen oder von anderen Ländern übernommen werden.
Das Ende von Aids wäre möglich. Wir haben die Medikamente, die Leben retten, und die Präventionsmittel, die Infektionen verhindern. Was fehlt, ist der politische Wille, die notwendigen Mittel bereitzustellen. Der Globale Fonds hat seit seiner Gründung über 70 Millionen Leben gerettet – eine der wirksamsten Investitionen, die die Weltgemeinschaft kennt. Wir dürfen jetzt nicht sparen – wir müssen investieren! Für eine Welt ohne Aids.
Und was im Großen gilt, muss auch im Kleinen gelten. Nachdem die Aidshilfearbeit in NRW im vergangenen Jahr durch die Kürzungen im Landeshaushalt massiv eingeschränkt war, wurde die Förderung von Maßnahmen zur Eindämmung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen in diesem Jahr wieder auf das Niveau von 2024 gehoben. Hier hat die Politik Wort gehalten. Danke an unseren Gesundheitsminister und alle Abgeordneten des Landtags, die das mitgetragen und ermöglicht haben.
Dieses politische Signal seitens des Landes scheint auf kommunaler Ebene nicht durchgehend angekommen zu sein. Uns liegen offen und vertraulich aus einzelnen Kommunen im Land Ankündigungen vor, mittelfristig die Zuwendungen an die lokalen Aidshilfen deutlich zu kürzen. Begründet wird die Kürzung mit guter Behandelbarkeit, rückläufigen Neuinfektionszahlen und einer bereits überdurchschnittlich ausgestatteten Versorgungslandschaft. Diese vereinfachende Antwort auf einen komplexen Sachverhalt ist, ich sage es ganz deutlich, völliger Unfug! Das kommt uns teuer zu stehen! So werden wir Aids nicht beenden!
Doch ist auch auf Erfreuliches hinzuweisen: Das landesweite Netzwerk MiSSA besteht seit zehn Jahren. MiSSA steht vor allem für eine starke Selbsthilfe und gelungene Selbstorganisation, für engagierte, kultursensible Arbeit und dafür, Menschen mit Migrationsgeschichte in der HIV-Prävention und -Beratung wirksam zu erreichen. Dieses kontinuierliche Engagement verdient große Anerkennung. Herzlichen Glückwunsch zu zehn Jahren erfolgreicher Netzwerkarbeit – und auf viele weitere!
Ebenso erfreulich ist, dass wir mit Jana Raschkowski und Frank Przibylla heute zwei Menschen mit unserem Preis „merk|würdig“ ehren, die auf ganz unterschiedliche Weise zeigen, was ehrenamtliches Engagement in den Aidshilfen ausmacht: Verlässlichkeit, Haltung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Ihr beide steht stellvertretend für das, was unsere Arbeit trägt: Menschen, die sich einmischen, die dranbleiben, die nicht mit den einfachen Antworten zufrieden sind und die etwas verändern wollen. Herzlich willkommen – und herzlichen Glückwunsch zu dieser verdienten Auszeichnung!
Wie verhindern wir, dass HIV in Deutschland zu spät diagnostiziert wird? Und was bedeutet es für das globale Ziel, Aids bis 2030 zu beenden, wenn internationale Solidarität bröckelt? Die Antworten darauf sind alles andere als einfach. Im Gegenteil: Wir haben es mit komplexen medizinischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu tun – und mit Entwicklungen, die uns eher zurückwerfen als voranbringen. Gerade deshalb ist es so wichtig, genau hinzuschauen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und offen zu diskutieren. Ich freue mich sehr, dass wir dafür heute eine hochkarätige Runde gewinnen konnten: Ruweyda Hassan Ali von MiSSA Remscheid, Silke Klumb von der Deutschen Aidshilfe, Clara Lehmann von der Uniklinik Köln und Natali Rudi von der Aidshilfe Oberhausen sowie zugeschaltet aus Valencia Christine Stegling von UNAIDS. Vielen Dank, dass Sie hier sind, dass Ihr hier seid – ich bin gespannt auf die Diskussion.