Internationaler Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende am 21. Juli 2026
Weniger Drogentote – kein Grund zur Entwarnung
Aidshilfe NRW fordert die konsequente Umsetzung und den Ausbau wirksamer Maßnahmen zur Schadensminderung
Köln, 21. Juli 2026: Am Internationalen Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende erinnert die Aidshilfe NRW an die Menschen, die infolge von Drogenkonsum und fehlender Hilfe verstorben sind. Hinter jeder Zahl stehen Familien, Freund*innen und Lebensgeschichten. Viele dieser Todesfälle wären vermeidbar gewesen.
Der von der Landesregierung vorgelegte Maßnahmenplan zur Reduzierung drogenbedingter Todesfälle weist in die richtige Richtung. Jetzt kommt es darauf an, die angekündigten Maßnahmen konsequent und flächendeckend umzusetzen. Schadensminderung darf kein Modellprojekt bleiben, sondern muss überall dort verfügbar sein, wo Menschen Unterstützung benötigen.
Darüber hinaus leisten niedrigschwellige Angebote einen wesentlichen Beitrag zur HIV- und Hepatitis-Prävention. Sie ermöglichen den Zugang zu sterilen Konsumutensilien, medizinischer Versorgung, Beratung und Testangeboten und schaffen häufig den ersten Zugang zu weiterführenden Hilfen.
Gemeinsam mit der Deutschen Aidshilfe und weiteren Fachverbänden unterstützt die Aidshilfe NRW die bundesweite Initiative „#Gibmir5“. Sie fordert fünf Maßnahmen, die nachweislich Leben retten:
- flächendeckende kommunale Frühwarnsysteme,
- Drug-Checking als Regelleistung,
- den Ausbau von Drogenkonsumräumen,
- eine breite Verfügbarkeit von Naloxon sowie
- den konsequenten Ausbau der Substitutionsbehandlung.
Die Forderungen sind dringender denn je. Deutschland verzeichnet weiterhin einen historischen Höchststand drogenbedingter Todesfälle. Im Jahr 2025 starben bundesweit 2.150 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums. Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei jungen Menschen: Seit 2021 ist die Zahl der Drogentodesfälle bei den unter 30-Jährigen um mehr als die Hälfte gestiegen, bei den unter 20-Jährigen hat sie sich nahezu verdoppelt. Diese Entwicklung macht deutlich, dass Prävention, Schadensminderung und frühzeitige Hilfen konsequent ausgebaut werden müssen.
Nordrhein-Westfalen verzeichnet zwar erstmals seit mehreren Jahren einen leichten Rückgang. Im Jahr 2025 starben 709 Menschen, das sind 60 Todesfälle weniger als 2024 (769) und deutlich weniger als im Höchststand des Jahres 2023 mit 872 Todesfällen. Dennoch ist die Zahl weiterhin mehr als dreimal so hoch wie 2017 und befindet sich auf einem erschreckend hohen Niveau.
„Niemand sollte einen Rückgang um 60 Todesfälle feiern, solange in Nordrhein-Westfalen noch immer 709 Menschen pro Jahr an den Folgen von Drogenkonsum sterben. Wir wissen längst, was wirkt. Was fehlt, sind nicht die Konzepte, sondern die Mittel, diese flächendeckend umzusetzen. Solange weiter Menschen sterben, obwohl wir wissen, wie sich viele dieser Todesfälle verhindern lassen, ist Gefahr im Verzug“, sagt Mascha Zapf, Landeskoordinatorin Drogen & Strafvollzug der Aidshilfe NRW.
Die Herausforderungen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Mischkonsum zählt heute zu den wichtigsten Risikofaktoren. Vor allem Vergiftungen durch Opioide in Kombination mit weiteren Substanzen nehmen seit Jahren zu. Hinzu kommen Crack, hochpotente synthetische Opioide und andere neue psychoaktive Stoffe, die das Risiko tödlicher Überdosierungen weiter erhöhen. Das Hilfesystem muss in die Lage versetzt werden, auf diese Entwicklung deutlich schneller zu reagieren.
Die wirksamsten Gegenmaßnahmen sind wissenschaftlich seit Jahren belegt: Drug-Checking, Drogenkonsumräume, Naloxon, Substitutionsbehandlung und niedrigschwellige Gesundheitsangebote senken nachweislich die Zahl drogenbedingter Todesfälle und verbessern die gesundheitliche Situation der Drogengebrauchenden.
Dennoch bestehen in Nordrhein-Westfalen weiterhin erhebliche Versorgungslücken. Noch immer gibt es Regionen ohne Drogenkonsumräume und ohne ausreichend niedrigschwellige Hilfsangebote.
Drug-Checking ist politisch gewollt und seit einem Jahr angekündigt, steht den Menschen aber bis heute nicht zur Verfügung.
Naloxon erreicht viele besonders gefährdete Konsumierende weiterhin nicht.
Besonders kritisch bewertet die Aidshilfe NRW den Rückgang der Substitutionsbehandlung. Die Zahl der Patient*innen sank von mehr als 25.800 im Jahr 2017 auf nur noch 23.452 im Jahr 2025. Ursachen sind unter anderem der Mangel an substituierenden Ärzt*innen, hohe bürokratische Anforderungen und regionale Versorgungslücken. Dabei gehört die Substitutionsbehandlung zu den wirksamsten Maßnahmen, um Überdosierungen zu verhindern, gesundheitliche Stabilität zu fördern und soziale Teilhabe zu ermöglichen.
Mit Sorge beobachtet die Aidshilfe NRW die zunehmend emotional geführte Debatte über Suchthilfezentren und Drogenkonsumräume. Wissenschaftliche Studien und die langjährigen Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen zeigen eindeutig: Diese Einrichtungen fördern Drogenkonsum nicht. Sie verhindern Überdosierungen, reduzieren Infektionsrisiken, entlasten Rettungsdienste und eröffnen Wege in Beratung und Behandlung. Wo diese Angebote fehlen, verschwinden die Probleme nicht – sie verlagern sich lediglich in Parks, Hauseingänge oder Bahnhofsbereiche und verschärfen die gesundheitlichen und sozialen Folgen.
Der Internationale Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende ist deshalb nicht nur ein Tag der Erinnerung. Er ist ein Tag der politischen Verantwortung. Die Mittel, um Leben zu retten, sind bekannt. Jetzt müssen sie endlich überall dort ankommen, wo Menschen sie benötigen.
