Interview mit Tim

Bei der täglichen Arbeit in unserer HIV-Schwerpunktpraxis in Köln begegnet uns sehr häufig das Thema Chemsex.
Dr. Tim Kümmerle ist Facharzt für Allgemeinmedizin mit Schwerpunktbezeichnung Infektiologie. Während seines Studiums wurde er in Mainz und Dijon ausgebildet. Seine Facharztweiterbildung fand in internistischen Kliniken im Raum Köln und ärztlichen Praxen statt. Seit 2012 ist er niedergelassener Arzt in der Praxis am Ebertplatz in Köln.
In unserer täglichen Arbeit begegnet uns das Thema sehr häufig. Gerade in den letzten zwei bis vier Jahren ist die Zahl an Patient*innen mit diesem Beratungsanlass stark angestiegen. Wir beobachten sowohl einen starken Anstieg der Anzahl der Konsumenten als auch der damit dem Konsum einhergehenden medizinischen Probleme. Für mich gibt es unter anderem die nachfolgenden Gründe warum Aidshilfen besonders geeignet sind, zu diesem Thema zu beraten.
1. Gutes aktuelles Fachwissen: Es gibt derzeit zu wenige Fachleute, die sich mit dem Thema Chemsex auskennen. Die verwendeten Substanzen ändern sich sehr häufig, die Konsumwege variieren und Drogen werden immer neu kombiniert und gemischt. Der intravenöse Konsum nimmt stark zu, wodurch medizinische Probleme und verstärkte Suchtgefahren entstehen. Kompetente Ansprechpartner*innen müssen also bereit sein, ihr Wissen ständig auf dem neuesten Stand zu halten, um eine gute Beratung gewährleisten zu können. Die Aidshilfen sind nah am Thema und kennen aus ihrer täglichen Arbeit die aktuellen Fakten.
2. Kenntnis der Besonderheiten von Drogenkonsum im Zusammenhang mit Sexualität: In den meisten Fällen beginnt der Konsum von Drogen im Zusammenhang mit Sexualität. Im Verlauf kann sich jedoch ein Konsummuster entwickeln, bei dem die Drogenwirkung wichtiger ist als der sexuelle Kontext. Dieser Kipppunkt ist häufig schwierig zu bestimmen, aber sehr wichtig für die Beratung. Unterschiedliche Drogen werden in unterschiedlichen sexuellen Kontexten konsumiert. Um Klient*innen individuell „abzuholen“, ist eine intensive Kenntnis der Besonderheiten von Sexualität zwischen Männern erforderlich. Aidshilfen verfügen über dieses Wissen.
3. Variable Zielsetzung bei der Beratungsarbeit: Gerade bei Chemsex bei MSM muss nicht nur der Ansatz der Abstinenz verfolgt werden, sondern es müssen auch Möglichkeiten des fortgesetzten aber sichereren Konsums (Safer Use) aufgezeigt werden. Damit ist die klassische Drogenpolitik häufig überfordert. Nach unserer Beobachtung beraten Aidshilfen besonders vorurteilsfrei und ergebnisoffen.
4. Die Aidshilfen haben sich als Chemsex-Beratungsstellen bereits etabliert. Zumindest für Köln gesprochen ist die Aidshilfe aus unserer Sicht der kompetenteste Beratungsort zum Thema Chemsex. Die Wahrscheinlichkeit, dort als hilfesuchender Konsument auf Gleichgesinnte und Mitbetroffene zu treffen, mit denen man sich auf wertvolle Weise austauschen und vernetzen kann, ist deshalb extrem hoch. Es gilt also, dieses ohnehin bestehende Netzwerk auszubauen und langfristig auf sichere Beine zu stellen.
Bei Kontakten mit neuen Patient*innen haben wir uns zur Angewohnheit gemacht, vorurteilsfrei und ohne Wertung die Frage zu stellen, ob ein Konsum stattfindet, welche Substanzen verwendet werden und in welchem Setting. Dabei versuchen wir herauszufinden, ob aus Sicht der Patient*innen Probleme mit dem Konsummuster bestehen und ob eine körperliche oder psychische Abhängigkeit vorliegt oder droht.
Angesichts der Komplexität der Thematik und des hohen Zeitdrucks im Praxisbetrieb kommen diese wichtigen Themen dennoch häufig zu kurz, sodass wir dem Informationsbedarf der Betroffenen nicht gerecht werden können. Wir sind deshalb dankbar, dass wir auf das Beratungsangebot zum Beispiel der Aidshilfen verweisen können.
Der Einstieg der Konsument*innen in die Chemsex-Beratung erfolgt also häufig in unserer Sprechstunde. Entsprechend ist es optimal wenn die beteiligten Akteur*innen sich engmaschig absprechen, um Trends zu erkennen, ihr Wissen aktuell zu halten und gemeinsam einen optimalen individuellen Behandlungsplan für die Klient*innen zu erarbeiten. Der ohnehin vorhandene kurze Draht zwischen Aidshilfen und Schwerpunktpraxen sowie die häufig vorhandene persönliche Kenntnis der Akteur*innen erleichtert diesen Vorgang ungemein.
HIV/Aids ist nach wie vor keine Erkrankung wie jede andere. Stigmatisierung und Diskriminierung sind nach wie vor an der Tagesordnung. Gerade die aktuellen politischen Entwicklungen lassen befürchten, dass sich daran auf absehbare Zeit nichts ändern wird. Sehr viele Menschen, die mit HIV leben, haben im Gesundheitswesen die Verweigerung von Leistungen erlebt, wurden gekränkt und zurückgewiesen.
Bei den Aidshilfen finden Betroffene verständnisvolle und kompetente Ansprechpartner*innen für die Beratung zu den vielen komplexen sozialen Aspekte der Infektion. Gruppenangebote ermöglichen die unmittelbare Vernetzung mit anderen Betroffenen. Wir freuen uns deshalb, an die Beratungsangebote der Aidshilfe verweisen zu können. Die Kernthemen der Beratungsarbeit bei Aidshilfen sind Menschen, die mit HIV leben.
Wir erleben jedoch, dass andere Bereiche zunehmend wichtig werden und ebenfalls bei der Aidshilfe ausgezeichnet aufgehoben sind. Dazu gehören Chemsex, Queer Refugees, Sexpositivity, sexuelle Diskriminierung, Geschlechtsinkongruenz und Varianten der Sexualität. Es ist schön zu sehen, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Fragen zu diesen Themen dank der Beratung der Aidshilfen nicht alleine gelassen werden!