
Trans* Frauen und XXelle
Beziehung auf den zweiten Blick
„Ich habe im Sommer meine große OP, und da ist es mir tatsächlich wichtig, andere Frauen zu kontakten, die da schon ein bisschen weiter sind als ich. Aber normalerweise ist es mir egal, ob ich von einem Mann oder einer Frau beraten werde. Hauptsache, die Person hat Ahnung von Trans* - und das sind halt meistens Menschen aus der trans* Community.“
Diese Aussage einer trans*Frau aus NRW verdeutlicht: Auf den ersten Blick scheinen zwei Welten aus dem Aidshilfe-Kosmos wenig miteinander zu tun zu haben. Hier XXelle, die historisch auf cis* Frauen ausgerichtete Frauenpräventionsarbeit der Aidshilfen; dort trans*spezifische Peerstrukturen mit eigener Expertise und eigenen Zugängen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass im Zusammenspiel unterschiedlicher Kompetenzen Kooperationen entstehen können, die für beide Seiten sinnvoll sind.
Trans* und nicht-binäre Personen weisen aufgrund von Diskriminierung, sozialer Benachteiligung und Hürden beim Zugang zur Gesundheitsversorgung eine höhere HIV- und STI-Prävalenz auf als andere Bevölkerungsgruppen (laut einer Online-Befragung von RKI/DAH: 0,7 % gegenüber 0,1 % in der Allgemeinbevölkerung). Die XXelle Landesarbeitsgemeinschaft Frauen* und HIV/Aids in NRW legt daher Wert darauf, trans* Personen, insbesondere Frauen, in der Qualitätsentwicklung der landesweiten Frauen- und HIV/Aidsarbeit konsequent mitzudenken.
Als sichtbares Zeichen dieser Inklusion nahm die LAG kürzlich eine Änderung vor: Der Begriff Frauen wurde mit einem Genderstern versehen - ein kleiner, aber bedeutsamer Unterschied. „Trans* Frauen sind Frauen und damit ein Teil von XXelle“, erklärt Sprecherin Eva Kempkes. „Aber mit XXelle wurden bislang fast ausschließlich cis* Frauen assoziiert und angesprochen. Um für mehr Sichtbarkeit und eine eindeutigere Positionierung zu sorgen, haben wir den Genderstern hinzugefügt. Mit Frauen* meinen wir alle, die sich als Frauen identifizieren - ganz gleich ob cis*, trans* oder nicht-binär*. Und wir laden alle herzlich ein, dabei zu sein.“
Denn in der Beratungsrealität spiegelt sich diese grundsätzliche Offenheit bislang nur eingeschränkt wider: Im Alltag von XXelle-Mitarbeiterinnen* sind Kontakte zu trans* Frauen selten. Woran liegt das?
Wissens- und Beratungswege sind häufig Community-basiert
Viele trans* Personen wenden sich zunächst an andere trans* Menschen, Selbsthilfegruppen oder Peerstrukturen. Empfehlungen aus der Community gelten als besonders verlässlich, da sie auf persönlichen Erfahrungen beruhen. „Es geht ja nicht nur um Fakten, sondern vor allem um Erfahrungen. Vieles habe ich tatsächlich nicht online gelernt, sondern von anderen.“ (Trans* Frau aus dem Ost-Münsterland)
Beratung erfolgt häufig personengebunden
In der Community werden Namen weitergegeben, während institutionelle Angebote weniger sichtbar bleiben. „Mit 17 outete ich mich als trans* im Jugendtreff eines queeren Kommunikationscenters. Einer der Teamer sagte: ‚Sprich unbedingt mal mit Moritz, der hat wirklich Ahnung‘ - und gab mir dessen Nummer. Dass Moritz in der Aidshilfe arbeitete, spielte für mich keine Rolle. Entscheidend war, dass er meine Fragen ernst nahm und beantworten konnte.“ (Delia, trans* Frau aus Münster)
Zudem bieten digitale Räume eine niedrigschwellige Alternative
Besonders trans* Menschen ohne lokalen Anschluss nutzen soziale Medien, Online-Räume und spezialisierte Foren für anonymen Austausch, Information und Peer-Kontakt. Dadurch werden analoge Beratungsangebote - auch der Aidshilfe - vor allem in frühen Phasen eines Outing-Prozesses seltener genutzt. „Wie ich überhaupt rausgefunden habe, was mit mir los ist? Übers Internet. Ich habe lange geglaubt, ich sei schwul. Aber irgendwann war klar: Das ist es gar nicht. Im Internet konnte ich dann auch ausprobieren, ich selbst zu sein, als Frau aufzutreten - ohne Risiko.“ (Nadine, trans* Frau aus NRW)
Auch in trans*spezifischen Beratungsstellen gehören Fragen zu Sexualität und Gesundheit zum Spektrum. HIV- und STI-bezogene Themen spielen dort jedoch häufig eine nachgeordnete Rolle. Im Vordergrund stehen existenzielle und strukturelle Fragen: Diskriminierung, Gewalt, rechtliche Fragen, soziale Absicherung und Zugang zu medizinischer Transition.„Solange ich dabei bin, war HIV hier noch kein Thema“, sagt Judith, eine trans* Frau aus Essen. „Viele in unserer Gruppe haben ihren Weg auch gerade erst begonnen. Sex haben, jemanden daten oder sich über STIs Gedanken machen - das liegt bei den meisten noch gar nicht an.“
Aidshilfen - auch die XXelle-Standorte - fungieren für trans* Menschen daher eher als Knotenpunkte für Weiterverweise denn als primäre Anlaufstellen. Ihre öffentliche Wahrnehmung ist stark mit HIV/STI-Themen verknüpft, weshalb der Weg in eine Aidshilfe vielen trans* Frauen zunächst wenig naheliegt. „Für mich ist die Aidshilfe vor allem eine Organisation, die unterstützt - auch ganz praktisch, etwa indem sie Räume für Treffen zur Verfügung stellt oder Aktionen mitträgt.“ (Trans* Frau aus dem Ost-Münsterland). Insgesamt sorgen strukturelle, thematische und wahrnehmungsbezogene Schwellen dafür, dass trans* Frauen Angebote der Aidshilfe bislang vergleichsweise selten nutzen.
Sollten XXelle-Mitarbeiterinnen* den Kontakt zu trans* Frauen gezielt ausbauen? Ein möglicher Weg besteht darin, dass XXelle-Beraterinnen* Kontakt zu trans*kompetenten Einzelpersonen oder spezifischen Strukturen aufnehmen und pflegen. Die eigene Trans*kompetenz wächst dabei mit. Ziel ist jedoch nicht in erster Linie, direkte Beratungskontakte zu steigern, sondern die eigene Rolle im Zusammenspiel mit Peerstrukturen zu klären.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt ein Beispiel aus Warendorf: Sandra Könning, Ansprechpartnerin der Aidshilfe (und XXelle-Standort) im Kreis Warendorf, engagiert sich im 2024 gegründeten Queeren Netzwerk Kreis Warendorf. Die Treffen finden in den Räumen der Aidshilfe statt. Beteiligt sind unter anderem die Fachstelle vielfälTIQ (Ahlen), der CSD Warendorf e. V., das KCM (Münster) - verein für queeres leben - sowie die Selbsthilfegruppe TOM* für trans*, inter*, diverse* und nicht-binäre* Menschen im Ost-Münsterland. Dass Aidshilfe und XXelle dabei als respektvoller Safer Space auch für trans* Personen fungieren, entspricht einem Grundgedanken struktureller HIV-Prävention.
Im Netzwerk gilt Sandra als Ansprechpartnerin für Fragen rund um HIV/STI. Beratungsanfragen von trans* Frauen hatte sie bislang nur wenige. Das Wissensspektrum einer qualifizierten Trans*beratung sei enorm - von rechtlichen Fragen über medizinisches Fachwissen bis hin zu behördlichen Verfahren. Deshalb hält sie es für sinnvoll, diese Beratung vor allem in Peerstrukturen zu verorten.
„Ich konzentriere mich auf meine Kernaufgabe: mein Fachwissen zu HIV/STI-Prävention aktuell zu halten und mögliche Bedarfe von trans* Frauen mitzudenken - etwa bei der PrEP, bei der oft zu Unrecht befürchtet wird, sie könne die Wirkung feminisierender Hormontherapien abschwächen.“
Noch deutlicher zeigt sich diese Form von Arbeitsteilung in größeren Aidshilfen, wenn trans*spezifische Beratung von spezialisierten Mitarbeitenden übernommen wird. Ein Beispiel ist die Aidshilfe Münster, wo Moritz Dreßen seit 2023 Beratung zu Trans*, Inter* und Nichtbinarität anbietet.
Moritz zählt zu den Personen, die informell weiterempfohlen werden. Sein Peerwissen ist groß; unter anderem ist er Autor der praxisorientierten Broschüre TRANS*LATE, die grundlegende Begriffe sowie rechtliche und medizinische Aspekte von Trans*identität erläutert und sich an trans* Menschen ebenso richtet wie an Angehörige und Fachkräfte.
Wenn Fragen seiner Klient*innen den trans*spezifischen Bereich verlassen, verweist er an Kolleg*innen - etwa an Marie Hestermann, die für HIV/STI- sowie Queerberatung zuständig ist. In ihrer Arbeit berät sie auch Regenbogenfamilien zu Fragen der Familiengründung. Trans* und nicht-binären Personen begegnet sie gelegentlich im Kontext Kinderwunsch. „Für viele ein sehr emotionales Thema“, berichtet Marie. „Während trans* Männer mit Uterus schwanger werden können, ist eine Schwangerschaft für trans* Frauen medizinisch nicht möglich. In der Beratung schaue ich gemeinsam mit den Ratsuchenden nach Wegen, wie Familie trotzdem entstehen kann - etwa durch Co-Parenting, Pflege oder Adoption.“ Hier greift also ein Fachgebiet von Aidshilfe in ein anderes über.
Aidshilfearbeit ist vielseitig und hat sich mit der Zeit verändert. Umso wichtiger ist es, Netzwerke und Kooperationen aufzubauen. Die Beispiele aus Warendorf, Münster und Essen (siehe Kasten) zeigen: Eine zentrale Aufgabe von XXelle im Kontakt mit trans* Menschen könnte darin bestehen, eigenes Fachwissen dort einzubringen, wo es gefragt ist – und zugleich Räume zu öffnen, Kontakte zu ermöglichen und unterschiedliche Kompetenzen miteinander zu verbinden. Ganz im Sinne struktureller HIV-Prävention.
Text: Annette Ritter
Zwischen Warten, Euphorie und Schuhgröße 45
„Ich hatte eine trans* Klientin, die sehr isoliert wirkte. Da dachte ich: Warum bauen wir nicht eine Selbsthilfegruppe für sie auf? Darin sind wir doch gut.“ So beschreibt Svenja Töpfer - ehemalige Mitarbeiterin der Aidshilfe Essen und damals eine der transkompetentesten XXelle-Mitarbeiterinnen der Landesarbeitsgemeinschaft - den Anfang eines Angebots, das es in dieser Form zuvor nicht gab.
Die Gruppe TRANS*FRAUEN der Aidshilfe Essen besteht inzwischen seit drei Jahren. Sie ist eine Mischung aus sozialpädagogisch begleiteter Selbsthilfegruppe und lockerem Café-Treff und richtet sich an trans* Frauen ab 27 Jahren.
Judith und Nadine beschreiben die Herausforderungen ihres Alltags so: „Von oben bis unten gemustert werden - minutenlang. Sich nicht in die Sauna trauen. Abhängig sein von Menschen, die keine Ahnung haben - ob auf Behörden oder im Medizinbetrieb. Warten, warten, warten: auf einen Therapieplatz, auf Kostenzusagen, auf OP-Termine. Und gleichzeitig ganz Banales: Wo gibt es schöne Frauenschuhe in Größe 45?“
Doch sie erzählen auch von Euphorie: vom positiven Effekt der Östrogeneinnahme („Mein Körper hat die Hormone mit offenen Armen empfangen“), von hilfreicher Unterstützung durch eine trans*kompetente Therapeutin oder vom gelungenen Outing, das als Befreiungsschlag erlebt wird. Selbst die „zweite Pubertät“, eine Achterbahn der Gefühle, kann sich überraschend gut anfühlen.
„Früher war ich ein Eisklotz“, sagt Nadine. „Heute heule ich wie ein Schlosshund über seichte Serien.“ Judith stellt sich manchmal die Frage: „Bin ich jetzt glücklicher?“ Die Antwort ist eindeutig: „Ja. Unbedingt. Der Motivationsschub hält an.“
