Chemsex
Kontrollierter Konsum oder Abstinenz?
Die Grunddefinition ist schon im Wort enthalten: Chems plus Sex gleich Chemsex. In diesem Fall ist die englische Abkürzung ein Euphemismus für den Konsum von Substanzen beim Sex. Auch wenn man mit dem Thema noch nie zu tun hatte und vielleicht auch nie zu tun haben möchte, ist es wichtig, ein paar grundlegende Fakten zu kennen, denn Chemsex ist kein Nischenthema mehr. Wer sich in der schwulen Community bewegt, stößt irgendwann zwangsläufig darauf. „Chemsfriendly“ ist in manchen Profilen in den geläufigen Dating-Apps zu lesen und Emojis wie ein Äffchen etwa steht für Monkey Dust (eine Szenebegriff für ein synthetisches Cathinon), die Spritze für das sogenannte Slamming (intravenöser Konsum) und ein Tropfen für GBL/GHB (Liquid Ecstasy). Weil das Phänomen relevant ist, greifen wir es in mehreren Beiträgen des Journals auf und beleuchten es aus verschiedenen Perspektiven.
Paul Hirning sieht eine Zunahme von Substanzkonsum im Zusammenhang mit Sexualität. Er arbeitet bei der Aidshilfe Köln und ist dort für Projekte und Veranstaltungen rund um das Thema Chemsex verantwortlich. „Ich würde sagen, es wird mehr. In den fast zehn Jahren, in denen ich mich mit dem Thema beschäftige, hat sich das Setting stark verändert – raus aus der Subkultur in die schwule „Allgemeinbevölkerung“. Es gibt die ursprüngliche Zielgruppe immer noch, aber es gibt auch andere, die eher im Party-Kontext starten, bei After-Hours weitermachen und dann vielleicht noch auf einen Chill gehen.“ Die Konsumenten seien jünger geworden, sagt er, und es gebe andere Substanzen, die sich etabliert haben. Der Chemsex als schwules Kulturphänomen hat seinen Weg in die Mainstream-Szene gefunden. Mit allen Problemen, die das mit sich bringt.
Ein zentrales Element der Arbeit der Aids-Hilfen ist in diesem Zusammenhang die Lebensstil-Akzeptanz. „Wir akzeptieren Menschen in ihrer individuellen Lebenssituation, so wie sie sind“, heißt es etwa auf der Homepage der Aidshilfe NRW. Wer diesen Grundsatz ernst nimmt, kann den Substanzkonsum nicht isoliert betrachten und pauschal verurteilen, sondern muss ihn als Teil dieser Lebensrealität mitdenken. Konsumakzeptanz ist somit die direkte Konsequenz aus der Lebensstil-Akzeptanz.
„Wir arbeiten zieloffen mit Menschen, die im Konsum sind. In der Beratung und auch in den Gruppenangeboten unterstützen wir die Menschen dabei, Ziele zu formulieren und sie dann auch zu verfolgen“,
erklärt Paul für die Aidshilfe Köln.
Zieloffen heißt in diesem Zusammenhang, dass Strategien zur Risikonominierung, Veränderung des Konsums und zur Abstinenzförderung gleichwertig nebeneinander stehen. Die Aidshilfe informiert über Safer-Use (eigene Nadeln nutzen, keine Substanzen mischen, nicht alleine konsumieren) und Harm-Reduction (allgemeine Strategien zur Risikominimierung). Vermittelt werden aber auch Methoden zum kontrollierten Konsum. Damit ist ein bewusster, selbst gesteuerter Umgang mit der eigenen Substanznutzung gemeint – im Gegensatz zur Abstinenz. Hinzu kommen Rückfallprophylaxe und Reha-Maßnahmen.
„Wir bieten also alles auf dem Spektrum zwischen Konsum und Abstinenzorientierung. Es geht um die Bereitschaft, die Menschen da abzuholen, wo sie stehen.“
Suchthilfe hat sich sehr gewandelt, auch heute gibt es Angebote, die abstinenzorientiert sind und Träger, die Abstinenz als Ziel definieren. Der Gegenentwurf – der kontrollierte Konsum – geht zurück auf Joachim Körkel, einen Vorreiter und Aktivisten im Feld der Suchthilfe.
„Kontrollierter Konsum ist ein strapaziertes Wort. Die meisten Menschen konsumieren unkontrolliert und tun dies mal mehr mal weniger erfolgreich. Aber Programme zum kontrollierten Konsum wie KISS können eine gute Hilfestellung sein, dass Menschen wieder Kontrollfähigkeit über ihren Konsum erlangen.“ Der Begriff orientiert sich am sogenannten KISS-Training, das für „Kompetenz im selbstbestimmten Substanzkonsum“ steht. Dabei plant man den Konsum für eine Woche voraus und orientiert sich dabei an drei Größen: 1. an der täglichen Höchstmenge, die man konsumieren will, 2. an der wöchentlichen Höchstmenge und 3. an der Zahl konsumfreier Tage. „Diese Vorausplanung ist wichtig. Man kann auch einen Kontrollverlust vorausplanen, aber der wird eben als bewusste Entscheidung im Vorfeld getroffen.“
Welcher Ansatz für wen funktioniert – ob Abstinenz oder kontrollierter Konsum – muss man ausprobieren und letztendlich eine individuelle Lösung finden. Beide Verfahren, sowohl die Abstinenzbefähigung als auch der kontrollierte Konsum, sind nicht für alle Menschen gleichermaßen erfolgsversprechend.
Das Angebot der Aidshilfen ist unterschiedlich, je nach Dringlichkeit in der Szene vor Ort und je nach finanzieller Ausstattung. Bei der Aidshilfe Köln gibt es neben der ambulanten Nachsorge, die ganz klar abstinenzorientiert ist und im Anschluss an eine stationäre Reha stattfindet, auch die „Flight Control“-Gruppe, die von Paul moderiert wird. „Ziele sind dort etwa die Veränderung des Konsums, Konsumkompetenz, kontrollierter Konsum, mit Peers den eigenen Konsum zu besprechen und kritisch zu reflektieren. Da braucht es keine Abstinenz als Ziel. Das kann eins sein, aber es geht eher darum, den Konsum zu integrieren und besprechbar zu machen.“
Text: Johannes Arens
sidekicks.berlin
Sidekicks ist ein Präventionsprojekt für queere Menschen. Die Mitarbeiter*innen begleiten dich als deine Sidekicks durch den Alltag und deine Abenteuer in Berlin. Sie unterstützen dich dabei, dein Sex-, Liebes- oder Partyleben so zu leben, wie es zu dir passt. Dazu liefern sie die passenden Informationen und Unterstützung rund um die Themen sexuelle Gesundheit und Substanzgebrauch.
CheMP
Selbsthilfe bei ChemSex
CheMP ist ein niedrigschwelliges Selbsthilfeprogramm für MSM (Männer, die Sex mit Männern haben), die Erfahrungen mit ChemSex haben. Gemeinsam möchten wir mit dir digitale und analoge Tools entwickeln und ausprobieren, die dich im Umgang mit ChemSex stärken – vor, während und nach dem Konsum.


