Do ask, do tell!
Viel Mut und erhebliches Fingerspitzengefühl
So manch konservativer Mensch wünscht sich vermutlich die Grundsätze des „Don't ask, don't tell" zurück. Der Begriff stammt aus dem US-amerikanischen Militär und bezeichnet eine Vorschrift, nach der queere Soldat*innen nicht über ihre Sexualität reden durften und im Gegenzug auch nicht danach gefragt wurden. Das strategische Verbot sorgte für die Unsichtbarkeit von nicht-heterosexuellen Menschen und wurde erst 2011 unter Barack Obama abgeschafft.
Auch in Deutschland war das Reden über Homosexualität lange ein strukturelles Tabu. „Noch bis ins Jahr 2000 hinein mussten sie mit erheblichen Karrierenachteilen rechnen, wenn ihre sexuelle Orientierung bekannt wurde", heißt es auf der Homepage des Verteidigungsministeriums über den Umgang mit homosexuellen Soldatinnen und Soldaten. Die eigene Sexualität zu verstecken, war hierzulande für viele schwule Männer, nicht nur bei der Bundeswehr, ein Selbstschutz.
Was aber, wenn der Staat von uns Auskunft verlangt, mit uns über Sex, Sexpartner und Präferenzen sprechen will?
Bei der Anerkennung der sexuellen Identität als Asylgrund etwa folgt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) starren Regeln. Der Antragsteller muss ausführlich und detailliert über sein Coming-out berichten und über die Ereignisse, die dazu geführt haben, dass er sein Land verlassen musste.
„Das können viele erst einmal nicht – aus psychischen, kognitiven und kulturellen Gründen", sagt Amit Marcus. Er arbeitet für die Aidshilfe Düsseldorf und berät schwule und bisexuelle Geflüchtete und Migrant*innen im Projekt PRADI, kurz für Prävention, Antidiskriminierung und Integration. „Die Männer, die zu uns kommen, haben häufig große Hemmungen, über Homosexualität zu sprechen, insbesondere dann, wenn sie in einer Asylunterkunft leben müssen. Es kommt vor, dass Asylbewerber von anderen Mitbewohnern beleidigt und auch körperlich angegriffen werden, wenn ihre sexuelle Orientierung bekannt wird. Sie leben also auch hier in Deutschland in ständiger Angst vor dem Outing."
Diese Erkenntnis findet sich auch in den 17 Zielen der UNHCR von 2023. Dort heißt es unter Punkt 17 über LGBTIQ+: „Selbst nachdem sie vor Gewalt und Verfolgung in ihrer Heimat geflohen sind, werden sie oft weiterhin diskriminiert oder sind Ziel von Gewalt." Wenn dann noch eine Befragung stattfindet, die interkulturelle Unterschiede nicht entsprechend berücksichtigt, kann das zu einem kompletten Verstummen führen.
Manche Antragsteller schaffen es, bei der ersten Anhörung durch das BAMF über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen. „Andere geben dies aufgrund von Schamgefühlen oder Angst erst viel später an. Das kann in manchen Fällen zu erheblichen Problemen mit dem Asylantrag führen", sagt Amit.
Aber nicht nur wenn es um die Aufenthaltsgenehmigung geht, kann die fehlende Sprache zu einer handfesten Hürde werden, sondern auch beim Zugang zum Gesundheitssystem. Es ist eine Sache, über Ansteckungswege, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten Bescheid zu wissen, aber eine andere, darüber mit Ärzt*innen sprechen zu können. Eine Situation, die auf der einen Seite viel Mut, auf der anderen erhebliches Fingerspitzengefühl erfordert.
Text: Johannes Arens
PRADI NRW
Das Netzwerk PRADI NRW steht für Prävention, Antidiskriminierungsarbeit und Integration. Das Netzwerk PRADI NRW steht schwulen Männern* und anderen Männern*, die Sex mit Männern* haben, mit Migrationshintergrund zur Verfügung. Das Team beantwortet dir gerne alle Fragen zu Themen rund um sexuelle Gesundheit, Coming-out und Diskriminierungserfahrungen. Gerne berät und unterstützt PRADI aber auch zu Themen, die mit Asylverfahren und Integration in Deutschland zu tun haben. Die Beratung ist kostenlos und anonym.

