Jeder Tag ist CSD!
Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD müssen wir die Mehrheitsgesellschaft in die Pflicht nehmen
Die CSD-Geschichte in der Bundesrepublik lässt sich in drei Phasen einteilen. Rund zehn Jahre nach den namensgebenden Unruhen in der New Yorker Christopher Street fand 1972 eine erste Demonstration in Münster statt. 1979 folgten Bremen und Berlin.
In einer zweiten Phase kamen ab den 1980er Jahren weitere Städte hinzu, deren CSDs stärker von der Erfahrung der Aidskrise geprägt waren. Der Cologne Pride von 1991 etwa fällt in diese Zeit und war als Zeichen gegen den Rückzug schwuler Männer aus der Öffentlichkeit gedacht.
In der dritten Phase bewegte sich der CSD aus den queeren Metropolen hinaus ins und aufs Land. Dort hat die Sichtbarkeit von LGBTIQ+ noch eine andere Dringlichkeit und es ist mitunter weniger eine große Party als vielmehr eine politische Anstrengung, Präsenz zu zeigen. Etwa bei den Neuzugängen im nordrhein-westfälischen Solingen (2022) oder im brandenburgischen Rheinsberg (2024).
Am vergangenen Samstag ist die Pride-Bewegung in Deutschland in eine neue Phase eingetreten. Bei einem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag wurde eine polnische Touristin getötet, mehr als 20 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt und viele weitere müssen mit einer traumatischen Erfahrung weiterleben.
Man wird die CSD-Veranstaltungen in Zukunft in ein VOR und ein NACH dem Attentat einteilen können. Das Spielerische und Ungehörige, das Fröhliche und Subversive, das lustvoll Grenzüberschreitende hat einen Schatten bekommen.
Bei den noch kommenden Demonstrationen in dieser Saison wird das Gedenken an Berlin im Vordergrund stehen und es bleibt abzuwarten, wie sich das langfristig auf unser Verständnis von Sicherheit auswirken wird. Dabei war das Gefühl, sicher zu sein, gerade bei den Großveranstaltungen ein Alleinstellungsmerkmal. Was sollte schon passieren, wenn so viele queere Menschen um einen herum und die Straßen mit mehrheitlich begeisterten Zuschauer*innen gesäumt waren? Gemeinsam waren wir viele.
Auch in der Vergangenheit mussten wir in zunehmendem Maße Beschimpfungen und Störungen hinnehmen, vor allem abseits der großen Städte. Aber der Pride war trotzdem unser Safe Space. Als queere Menschen müssen wir fortwährend bewusst oder unbewusst die Risiken abschätzen, wenn wir im öffentlichen Raum unterwegs sind. Beim CSD mussten wir das nicht tun, weil wir an diesem Ort und für einen Tag in der Mehrheit waren.
Die Tat vom vergangenen Wochenende stellt dieses zentrale Gefühl in Frage.
Die nun folgende Diskussion über den Umgang mit Hochrisikopersonen und die Verschärfung von Gesetzen dürfen unsere grundlegende Forderung nicht in den Hintergrund treten lassen: Es ist und bleibt die Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft, uns vor Angriffen zu schützen. Nicht nur auf dem CSD, sondern jeden Tag.
„Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern!", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz in einem Pressestatement nach dem Anschlag. „Wir werden die Freiheit, die Offenheit, die Liberalität unseres Lebens und unserer Gesellschaft mit allem, was wir tun können, verteidigen, und wir werden es gemeinsam machen."
„CSDs in NRW und Deutschland sind notwendig, um fortbestehende Diskriminierung und Queerfeindlichkeit sichtbar zu machen“, heißt es in einer Erklärung des Queeren Netzwerks. „Es kann nicht sein, dass CSDs nicht stattfinden können, weil Geld für Sicherheitsmaßnahmen fehlt.“
Wir müssen und werden den Kanzler beim Wort nehmen!
Text: Johannes Arens
Informieren, vernetzen und bewegen.
Der Dachverband vereint die CSD-organisierenden Vereine, Initiativen und Projekte in Deutschland. Seine Mitglieder bilden ein bundesweites Netzwerk, das sich für die Stärkung der Antidiskriminierungsarbeit für LSBTIQ* einsetzt. Ziel des Dachverbands ist es, CSDs als politische Demonstrationen in Öffentlichkeit, Medien, Wirtschaft und Politik sichtbarer zu machen und ihre Forderungen als gemeinsames Sprachrohr zu vertreten. Dabei fördert er eine Gesellschaft, die auf Respekt, Wertschätzung und Akzeptanz basiert, und positioniert sich klar gegen Ausgrenzung und Gewalt.
Dem Hass keinen weiteren Millimeter!
Wenn friedlich demonstrierende Menschen auf einem CSD angegriffen und getötet werden, ist das nicht nur ein Anschlag auf queere Communitys, sondern auch ein Angriff auf die Demokratie. Der islamistische Anschlag zerstört und bedroht die Würde des Menschen, die körperliche Unversehrtheit, die Versammlungs- und Meinungsfreiheit – und verneint bewusst die Gleichwertigkeit queerer Menschen. Der Kampf gegen jede Form von Extremismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dieser Kampf gehört jeden Tag auf die politische Agenda und nicht nur dann, wenn Menschen verletzt und getötet werden.


