Konsens
Sex ist und bleibt eine Sache der Aushandlung
„Ja heißt ja und nein heißt nein" ist eine einfache Regel. Aber wir alle wissen, dass schon die zwischenmenschliche Konsensfindung im schnöden Alltag uns immer wieder vor schier unlösbare Probleme stellen kann. Taylor Swift oder Beyoncé? Noch die dünne Sommerdecke oder schon das schwere Federbett? Aperol oder Campari? Es erweist sich bei aller Nähe in einer Partnerschaft oft als unmöglich, die Vorlieben des anderen zu verstehen. Wie viel komplizierter muss es also werden, wenn es um Sex geht. Der ist abseits der geilen Chats vorab nach wie vor schwierig zu besprechen. Zumal, wenn wir den anderen nicht kennen oder im Dunkeln mit dem Gagball im Mund nicht einmal sehen können.
Sex ist und bleibt eine Sache der Aushandlung – auch wenn wir gerade mittendrin sind. Alles kann plötzlich anders sein. Etwas, was vorher unvorstellbar war, geht vielleicht doch, und etwas, was vorher für alle in Ordnung war, überschreitet unversehens eine ultimative Grenze.
Dabei kann es um die Basics gehen – wer ist Top und wer ist Bottom? – aber auch um ganz Spezifisches: um einen oder zwei Finger oder gleich die ganze Faust, um Substanzen, um dritte, vierte oder sehr viel mehr Personen.
Alle müssen in diesem Zusammenhang auf ihr Bauchgefühl achten – für sich selbst und für andere. Die Frage „Ist das für mich in Ordnung?" ist schon nicht immer leicht zu beantworten; herauszufinden, ob es für andere okay ist, ist manchmal ein Ding der Unmöglichkeit.
Unsere gegenwärtige Sensibilität für den Konsens ist noch vergleichsweise neu. Wir erinnern uns vielleicht an die Debatte um erzwungenen Sex in der heterosexuellen Ehe. Erst 1997 wurde er zur Straftat; bis dato gab es Vergewaltigung nur beim außerehelichen Beischlaf. Zu den 138 Abgeordneten, die damals gegen die Gesetzesänderung stimmten, gehörte, neben Horst Seehofer, übrigens auch der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz.
Aber nur weil es die gleichgeschlechtliche Ehe erst seit 2017 gibt, heißt das nicht, dass das Thema Konsens beim Sex zwischen Männern weniger kompliziert wäre. Aber wie genau sieht dieser ominöse Konsens denn nun aus?
Wie so oft ist die Herkunft des Wortes ein guter Einstieg. Der Begriff „Konsens" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Übereinstimmung". Der Ausdruck ist dabei eng mit dem Verb „sentire" für fühlen, spüren, empfinden verbunden und somit auch mit dem Wort „sensibel" verwandt.
Das Feld erfordert also Fingerspitzengefühl. Die Spitzen unserer Finger zählen nämlich neben den sogenannten spezifischen erogenen Zonen zu den empfindlichsten Bereichen unseres Körpers. Dort gibt es besonders viele Rezeptoren, die uns zum Beispiel Druck oder Wärme wahrnehmen lassen.
Im Duden folgen auf „Konsens" alphabetisch unter anderem die Worte Konsensfähigkeit und Konsensgespräch. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als dauerhaft im Austausch zu bleiben, mit Worten, Blicken, Handzeichen und mit allen Sinnen. Und grundsätzlich gilt: Auch dem geilsten Ficker, Fister oder Face-Sitter bricht kein Zacken aus der Krone, wenn er mal kurz fragt, ob alles in Ordnung ist.
Text: Johannes J. Arens
Über sexuellen Konsens
Sexueller Konsens geht mit aktiver Zustimmung einher, sexuellen Handlungen zu einem bestimmten Zeitpunkt gemeinsam nachzugehen. Beim Konsens geht es darum, sich im Vorfeld darüber zu verständigen, was Lust macht und nicht davon auszugehen, dass schon alles so passt, was beim Sex passiert.


