Mehr als nur Durchgangsverkehr
Sex und Gespräche auf dem Cruisingparkplatz
Auch, oder vielleicht gerade weil, die Tage jetzt wieder kürzer werden, müssen wir übers Cruising sprechen. Outdoorsex ist eigentlich eine typische Sommeraktivität, wenn auch mittlerweile fast ein bisschen in Vergessenheit geraten.
Cruising nennt man die Suche nach Sex mit anderen Männern im öffentlichen Raum oder im Darkroom. Begegnungen in abgelegenen Ecken von Grünanlagen, auf öffentlichen Toiletten und einschlägigen Autobahnrastplätzen sind so etwas wie der Unique Selling Point schwuler Sexkultur – ein Phänomen, auf das heterosexuelle Männer mitunter ungläubig bis neidisch reagieren. Einfach irgendwohin zu fahren, um Sex zu haben, ist für die meisten eine verlockende Vorstellung.
Dass dabei mehr passiert als reiner Sex, kann Janosch bestätigen. Er arbeitet bei der Aidshilfe Dortmund und ist unter anderem zuständig für den schwulen Gesundheitsladen pudelwohl und die Herzenslust-Kampagne. Die Prävention für schwule und bisexuelle Männer findet daher nicht nur im Beratungsbüro statt, sondern manchmal eben direkt vor Ort auf dem Parkplatz. Auf einem kleinen Tresen liegen dann Kondome, Gleitgel, Flyer und Süßigkeiten.
„Ich gehe gezielt auf die Leute zu, die dort rumstehen oder in ihren Autos sitzen und grindern. Man merkt relativ schnell, ob die gerade Bock haben, sich zu unterhalten, oder nicht."
Wie gesprächsbereit die Anwesenden dabei sind, überrascht vielleicht. Manche haben infektiologische Fragen oder bitten um einen Schnelltest, gelegentlich nimmt die Unterhaltung aber auch eine ganz andere Richtung: „Das sind zum Teil sexualmoralische Gespräche. Was ist in Ordnung und was nicht? Wie viel Verantwortung muss ich für die Gesundheit anderer übernehmen – oder auch nicht?" Themen also, die man entlang der Autobahn nicht unbedingt erwarten würde.
Das hat einen ernsten Hintergrund: In Zeiten, in denen gelebte Sexualität zwischen Männern im Rahmen des § 175 strafbar war, waren Cruising-Orte die einzigen, an denen Intimität und Austausch überhaupt möglich waren.
Manche erledigen daher, weswegen sie hergekommen sind, und fahren wieder. Andere bleiben länger und suchen das Gespräch. „Der Cruisingparkplatz ist für schwule Männer nicht nur ein sexueller, sondern auch ein sozialer Ort", sagt Janosch. Heute, glücklicherweise ohne die Angst, verhaftet zu werden.
Doch auch das Online-Dating hat vor dem anonymen Treiben im Freien nicht haltgemacht. Früher musste man wiederkommen, um jemanden erneut zu treffen, weil man außer dem Kfz-Kennzeichen keine Anhaltspunkte für die Herkunft hatte. Inzwischen hat man bereits alles gesehen, bevor man losfährt, um sich mit einem Grindr-Date zu verabreden: Sexuelle Präferenzen und körperliche Details sind längst geklärt, ehe man sich begegnet. Ein Stück jener ungeplanten Begegnung geht dabei verloren.
Für die meisten Autobahnrastplätze ist übrigens die Autobahn GmbH des Bundes zuständig. Wer, wie Janosch, einen Tresen aufbauen möchte, braucht eine Sondernutzungserlaubnis – alles andere, ob Sex oder Aufklärung, gibt es einfach so.
Text: Johannes Arens
Im Wald mit Männern, die cruisen, weil Grindr sie nervt
Männer, die cruising im Wald praktizieren, weil sie Grindr und andere Datingapps frustrierend finden. Im dem Artikel von Steven Meyer (IWWIT) geht es um gelebte Sexualität jenseits von Apps. Erzählt wird, wie Cruising als anonymer Treffpunkt entstand, warum schwul sein dort weniger Zwängen unterliegt und weshalb cruising heute noch reizvoll bleibt.

