Mehr STIs?
Oder nur mehr Tests?
Syphilis und Tripper stehen so hoch wie nie in den europäischen Statistiken. Die Meldedaten zeigen mehr diagnostizierte Infektionen; wie viel davon auf tatsächliche Zunahme, Testintensität und Prävention entfällt, ist offen. Gleichzeitig verändern Antibiotika-Prophylaxe und Screening selbst das Bild. Fachleute streiten inzwischen sogar darüber, ob alle gefundenen Infektionen behandelt werden müssen.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) registrierte für 2024 in Deutschland 9.519 Syphilis-Fälle – der höchste Stand seit Beginn der Meldepflicht 2001. Wichtig ist aber die Dynamik dahinter: Nach +23,7 % im Jahr 2022 und +9,6 % im Jahr 2023 betrug der Zuwachs 2024 nur noch 3,9 %. Die Kurve steigt, aber sie flacht deutlich ab.
Für die Gonorrhoe gibt es in Deutschland keine bundesweite Meldepflicht (Ausnahme: Sachsen). Alle „Tripper-Rekorde“ stammen deshalb aus europäischen Daten. Das ECDC meldete für 2024 EU-weit 106.331 Gonorrhoe-Fälle und 45.577 Syphilis-Fälle. Die oft zitierten +303 % bei der Gonorrhoe sind eine Zehnjahresbilanz seit 2015; von 2023 auf 2024 waren es +4,3 % (bei Männern +7,9 %, bei Frauen dagegen −8,6 %).
Und der wichtigste Vorbehalt bleibt: Meldezahlen messen nicht Erkrankungen, sondern gefundene Infektionen.
Seit Einführung der HIV-PrEP wird eine Gruppe mit hohem Risiko regelmäßig untersucht – bei Syphilis weiterhin dreimonatlich. Das verschiebt, was wir sehen: 2024 wurde ein Viertel aller gemeldeten Syphilis-Fälle im beschwerdefreien Stadium der Frühlatenz diagnostiziert, bei weiteren 27,5 % war die Latenzdauer unbekannt. Bei MSM ohne HIV-Diagnose wurden 71,0 % der Diagnosen bereits in den ersten zwei Monaten nach dem wahrscheinlichen Infektionszeitpunkt gestellt.
Diese Zahl allein beweist den PrEP-Effekt allerdings nicht. Bei MSM mit HIV-Diagnose – also einer Gruppe, die über die HIV-Routineversorgung und nicht über PrEP-Screening erfasst wird – lag der Anteil mit 74,5 % sogar noch etwas höher. Frühe Diagnosen entstehen überall dort, wo Menschen gut angebunden sind. Hinzu kommt: Die Zeitspanne ließ sich nur für 62,2 % aller Meldungen überhaupt berechnen.
Im März 2024 wurde die Deutsch-Österreichische PrEP-Leitlinie aktualisiert (Version 2.0). Seitdem wird seltener auf Chlamydien und Gonokokken getestet, während die Syphilis-Teststrategie unverändert blieb. Prompt fiel der Anteil dieser Ko-Infektionen bei den Syphilis-Meldungen von MSM ohne HIV-Diagnose erstmals ab – nach jahrelangem Anstieg. Das RKI stellt diesen Zusammenhang ausdrücklich her.
Gonokokken-Infektionen verlaufen häufig ohne Beschwerden – wobei die Lokalisation entscheidet: Im Rachen und im Enddarm sind es je nach Studie 80–90 %, während urethrale Infektionen bei Männern meist symptomatisch sind. Chlamydien bei Frauen bleiben ähnlich häufig stumm.
Entscheidend ist, was unbehandelt passiert. Eine US-Kohorte mit wöchentlichen Selbstabstrichen (140 MSM) ermittelte für Gonokokken im Rachen eine mediane Dauer von 16 Wochen – allerdings auf Basis von nur 21 Infektionen und mit einem weiten Vertrauensbereich von 5 bis 20 Wochen. Für den Enddarm ergab dieselbe Kohorte im Mittel zwei bis drei Monate, einzelne Infektionen hielten 6 bis 11 Monate an. Diese Zahlen sind belastbar genug für die Aussage „oft lange, aber nicht ewig“ – nicht für punktgenaue Angaben.
Deutlicher ist der Amsterdamer Befund: Allein zwischen Testtag und Behandlungstermin – im Mittel sechs Tage – waren bereits 15 % der analen, 19 % der Rachen- und 32 % der Harnröhren-Nachweise spontan verschwunden.
Wer alle drei Monate an drei Körperstellen testet, findet also auch Infektionen, die von allein abgeklungen wären – das treibt die Statistik und den Antibiotikaverbrauch.
Diese „Selbstheilung“ gilt ausdrücklich nicht für die Syphilis.
In der öffentlichen Debatte fehlt meist ein Punkt, den das RKI selbst ausführlich diskutiert: die antibiotische STI-Prophylaxe mit Doxycyclin. Bei „Doxy-PEP“ werden 200 mg Doxycyclin innerhalb von 48 Stunden nach einem Risikokontakt eingenommen, um Chlamydien und Syphilis zu verhindern.
Das RKI hält es für wahrscheinlich, dass Doxy-PEP einen Anteil an den stagnierenden Syphilis-Zahlen bei MSM hat – gerade weil dieser Rückgang in Berlin, Hamburg und anderen Großstädten mit besonders vielen HIV/STI-Schwerpunktpraxen auftritt. Umfragen zufolge hat rund die Hälfte der befragten Verordnenden in Deutschland Doxycyclin bereits mindestens einmal als STI-Prophylaxe verschrieben, in Schwerpunktpraxen etwa 70 %.
Das hat zwei Konsequenzen für die Interpretation der Statistik. Erstens: Wenn in denselben Städten sowohl besonders dicht getestet als auch besonders viel Doxy-PEP genutzt wird, lässt sich der dortige Rückgang nicht eindeutig einer der beiden Ursachen zuordnen. Zweitens gibt es Hinweise darauf, dass Doxycyclin die für die Syphilis-Diagnostik nötige Antikörperantwort verzögern kann – dann würden Infektionen weder befundet noch gemeldet, und die Meldezahlen unterschätzten das Geschehen.
Für die Antibiotika-Diskussion ist Doxy-PEP ohnehin unumgänglich: Wer den Antibiotikaverbrauch durch Screening problematisiert, muss die prophylaktische Einnahme nach Risikokontakten erst recht in die Rechnung aufnehmen. Die Deutsche STI-Gesellschaft rät von einem breiten Einsatz ab und empfiehlt die Doxy-PEP nur in abgewogenen Einzelfällen (Off-Label-Use). Das ECDC hat im Januar 2026 nachgezogen: kein bevölkerungsweiter Einsatz, allenfalls gezielt gegen Syphilis bei höchstem Risiko. Gegen Gonokokken ist Doxycyclin in Europa ohnehin weitgehend wirkungslos – in Deutschland waren 2024 96,3 % der Isolate tetracyclinresistent.
Ein reiner Test-Effekt erklärt die Daten nicht:
- Die konnatale Syphilis (Übertragung von Mutter auf Kind) hat sich europaweit fast verdoppelt: von 78 Fällen 2023 auf 140 Fälle 2024 in 14 meldenden Ländern. Ein infiziertes Neugeborenes ist kein Zufallsfund. (In Deutschland dank Schwangerenvorsorge selten: acht Fälle 2024.)
- Syphilis bei Frauen stieg in Deutschland zwei Jahre in Folge: +31,6 % (2023) und +17,0 % (2024) – und zwar zeitgleich in mehreren Bundesländern, nicht als lokaler Ausreißer.
- Die Chlamydien-Meldungen in Europa sanken 2024 um 10 %, während die Gonokokken-Zahlen stiegen. Beide Erreger werden im selben Test nachgewiesen – mehr Testen allein müsste beide Kurven heben.
Beim letzten Punkt lohnt allerdings ein zweiter Blick, denn er trägt weniger weit, als er scheint. Der europäische Chlamydien-Rückgang stammt überwiegend aus allgemeinen Screening-Programmen: In sieben Ländern sanken die Zahlen bei den 15- bis 45-Jährigen um 13 bis 19 %, in England um 13 % bei nur 1 % weniger Tests. Im selben Jahr stieg der MSM-Anteil an den Chlamydien-Meldungen von 20 auf 22 %. Verglichen werden hier also weitgehend verschiedene Bevölkerungsgruppen und Versorgungssysteme. Innerhalb einer PrEP-Kohorte, wo beide Erreger im selben Multiplex-Test laufen, würde das Argument tragen – die europäische Gesamtstatistik misst das aber nicht.
Der Text bis hierher legt nahe, dass Screening die Statistik aufbläht. Das RKI vertritt zusätzlich die umgekehrte Lesart – und beide sind mit den Daten vereinbar.
Stichwort Sättigungseffekt: Wenn in sexuellen Netzwerken, in denen Syphilis zirkuliert, einem hohen Anteil der Beteiligten zeitnah nach Risikokontakten ein Test angeboten wird, werden asymptomatische Infektionen entdeckt und behandelt. Sind genug Infektionsketten unterbrochen, ist mit Stagnation oder Rückgang zu rechnen. Genau das könnte 2024 zu sehen sein: Die Syphilis-Meldungen bei MSM sanken erstmals seit 2009 leicht (−0,2 %); in Berlin gingen die MSM-Meldungen um 7 %, in Hamburg um 8 % zurück (die Berliner Gesamtinzidenz sank um 9 %). Also ausgerechnet dort, wo am dichtesten getestet wird.
Screening bläht die Statistik dann nicht auf, sondern beendet sie. Welcher Anteil auf Sättigung, welcher auf Doxy-PEP und welcher auf Zufall entfällt, lässt sich aus Meldedaten nicht entscheiden.
Die belgische Gonoscreen-Studie (2024) verglich bei PrEP-Nutzenden randomisiert dreimonatliches Screening auf Chlamydien und Gonokokken mit Nicht-Screening. Der Verzicht war nicht gleichwertig: Ohne Screening traten mehr Chlamydien-Infektionen auf, auch symptomatische (Inzidenzratenverhältnis 1,32). Aber: bei Gonokokken kein Unterschied – und deutlich weniger Antibiotika. Zur Studie erschien 2024 eine Korrektur; kritisiert wurde außerdem die weite Definition „symptomatischer“ Chlamydien-Infektionen, auf der die Kernaussage ruht.
Engmaschiges Screening treibt den Antibiotikaverbrauch in Größenordnungen, die Resistenzen begünstigen – und Gonokokken sind ohnehin zunehmend schwer behandelbar. In Belgien gingen nach der Reduktion von Screening und Antibiotikaverbrauch die Makrolid-Resistenzen bei Gonokokken und bei Mycoplasma genitalium zurück. Die Autoren betonen selbst, dass es sich um eine ökologische Beobachtung handelt und noch kein Nachweis von Ursache und Wirkung vorliegt. Eine britische Übersichtsarbeit von 2026 kommt nach Sichtung von 15 Studien zu dem Schluss, dass die Drei-Monats-Empfehlung nur schwach belegt ist.
Immerhin gibt es bei der Behandlung erstmals seit Jahrzehnten wieder Bewegung: Mit Zoliflodacin wurde Anfang 2026 ein neues orales Antibiotikum in einer Phase-3-Studie erfolgreich gegen unkomplizierte urogenitale Gonorrhoe geprüft.
Der Streit betrifft ausschließlich beschwerdefreie Chlamydien- und Gonokokken-Befunde bei sehr häufig getesteten Männern. Unstrittig behandelt werden Syphilis, alle Infektionen mit Symptomen, Infektionen bei Frauen (Gefahr von Eileiterentzündung und Unfruchtbarkeit) und Infektionen in der Schwangerschaft. Bis Leitlinien sich ändern, gilt: gefunden = behandeln.
Das RKI spricht von einem Mischeffekt aus tatsächlich steigender Inzidenz – verändertes Sexualverhalten, seltenerer Kondomgebrauch – und intensiverem Screening. Dazu kommt inzwischen die antibiotische Prophylaxe, deren Umfang niemand genau kennt. Die offene Frage ist nicht mehr ob, sondern wie oft, worauf und mit welchen Nebenwirkungen getestet wird.
Und eine Frage, die in der Screening-Debatte oft untergeht: Zugang. 13 von 29 europäischen Ländern verlangen weiterhin Zuzahlungen für einfache STI-Tests. Wer über die optimale Testfrequenz streitet, sollte nicht übersehen, dass viele Menschen gar keinen niedrigschwelligen Zugang haben.
- Kondome schützen sehr gut vor HIV, gut vor Gonorrhoe und Syphilis – nicht vollständig, da manche Erreger über Hautkontakt übergehen.
- Impfen lassen: Hepatitis A und B, HPV und – für Männer mit gleichgeschlechtlichen Kontakten – Mpox. Gegen Gonorrhoe gibt es keinen zugelassenen Impfstoff. Der Meningokokken-B-Impfstoff 4CMenB wird seit August 2025 in Großbritannien eingesetzt, nachdem Beobachtungsstudien 33–47 % Schutz nahegelegt hatten. Inzwischen fanden drei randomisierte Studien (DOXYVAC, MenGO und zuletzt GoGoVax) keinen Schutzeffekt. Das britische JCVI hat die GoGoVax-Daten im Juni 2026 geprüft und das Programm dennoch unverändert fortgeführt; endgültige Klarheit sollen Real-World-Daten und eine laufende Studie bei Frauen bringen.
- Testen: Testintervall und Testorte richten sich nach Sexualpraktiken, Symptomen, Partnerkonstellation und PrEP-Nutzung; bei entsprechender Exposition sind Rachen- und/oder Rektalabstriche wichtig. Beschwerdefreiheit ist kein Ausschluss. Ausfluss, Brennen, Geschwüre oder Hautausschlag gehören immer abgeklärt.
- Partner informieren. Der wirksamste Einzelschritt gegen Infektionsketten; Gesundheitsämter und Aidshilfen helfen, auf Wunsch anonym.
- Doxy-PEP nicht auf eigene Faust. Die Anwendung ist in Deutschland Off-Label; die Deutsche STI-Gesellschaft und das ECDC raten von breitem Einsatz ab. Wer sie erwägt, sollte das ärztlich besprechen – auch wegen möglicher Auswirkungen auf die Syphilis-Diagnostik.
- Keine Antibiotika auf eigene Faust. Verschriebene Therapie nach Anweisung durchführen.
Stand: 1. September 2026. Alle Links zuletzt an diesem Tag geprüft.
Meldedaten Deutschland
Jansen K, Bremer V. Syphilis in Deutschland in den Jahren 2023 und 2024 – Neuer Höchststand von Infektionen mit verlangsamter Dynamik. Epid Bull 2025;39:3–26. doi: 10.25646/13461
Belegt: 9.519 Fälle 2024, Inzidenz 11,2/100.000; Dynamik +23,7 % / +9,6 % / +3,9 %; Stagnation bei MSM (−0,2 %); Rückgang der MSM-Meldungen in Berlin −7,2 % und Hamburg −8,0 % (Berliner Gesamtinzidenz −9,2 %); Stadienverteilung (25,1 % Primär, 24,0 % Frühlatenz, 27,5 % Latenz unbekannter Dauer); 71,0 % der Diagnosen bei MSM ohne HIV-Diagnose binnen zwei Monaten nach wahrscheinlichem Infektionszeitpunkt, bei MSM mit HIV-Diagnose 74,5 %, berechenbar für 62,2 % aller Meldungen; PrEP-Gebrauch bei 59,8 % der MSM mit entsprechender Angabe; Abfall der CT/NG-Ko-Infektionen nach Leitlinienänderung 2024; Frauen +31,6 % / +17,0 %; acht Fälle konnataler Syphilis; „Mischeffekt“-Einordnung; Sättigungseffekt als Erklärung der Stagnation; ausführliche Doxy-PEP-Diskussion inkl. möglicher Verzögerung der Antikörperantwort; Tetracyclin-Resistenz von N. gonorrhoeae in Deutschland 2024: 96,3 %.
– https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2025/39_25.html
– Volltext (PDF): https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2025/39_25.pdf?__blob=publicationFile
– Repositorium: https://edoc.rki.de/handle/176904/12992.3
RKI. Epidemiologie und Resistenzlage der Gonorrhö in Deutschland 2023/2024. Epid Bull 2025;38.
Belegt: Resistenzentwicklung bei N. gonorrhoeae. Hinweis: Gonorrhoe ist in Deutschland außer in Sachsen nicht meldepflichtig; nationale Fallzahlen liegen daher nicht vor.
– https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2025/38_25.html
Bremer V, Hanhoff N, Schewe K, Doumit D. PrEP in Deutschland – Befragung der dagnä e. V. in HIV-Schwerpunkteinrichtungen. Epid Bull 2025;37:12–17. doi: 10.25646/13410
Belegt: Haltung deutscher Schwerpunktpraxen zu Doxy-PEP und Doxy-PrEP.
– https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2025/37_25.html
DAIG. Deutsch-Österreichische Leitlinie zur HIV-Präexpositionsprophylaxe, Version 2.0 (21.03.2024). AWMF 055-008, gültig bis 31.12.2027.
Belegt: geänderte Screening-Intervalle für Chlamydien/Gonokokken bei unverändertem Syphilis-Screening.
– https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/055-008
Europäische Surveillance
ECDC. Annual Epidemiological Reports for 2024 (Gonorrhoe, Chlamydien, Syphilis; veröffentlicht 21.05.2026).
Belegt: 106.331 Gonorrhoe-Fälle (+4,3 % ggü. 2023; Männer +7,9 %, Frauen −8,6 %; +303 % seit 2015); 45.577 Syphilis-Fälle; 213.443 Chlamydien-Fälle (−10 % ggü. 2023, MSM-Anteil 22 % gegenüber 20 % im Vorjahr); Verdopplung der konnatalen Syphilis von 78 auf 140 Fälle in 14 Ländern; 13 von 29 Ländern mit Zuzahlungen für einfache STI-Tests.
– Gonorrhoe: https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/gonorrhoea-annual-epidemiological-report-2024
– Chlamydien: https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/chlamydia-annual-epidemiological-report-2024
– Syphilis: https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/syphilis-annual-epidemiological-report-2024
– Pressemitteilung: https://www.ecdc.europa.eu/en/news-events/bacterial-stis-reach-record-highs-europe-congenital-syphilis-cases-nearly-double
ECDC. Seven European countries observe drop in chlamydia notifications, especially among young people, in 2024 (Mai 2026).
Belegt: Rückgänge von 13–19 % bei 15- bis 45-Jährigen in sieben Ländern; in England −13 % bei nur 1 % weniger durchgeführten Tests. Wichtig für die Einordnung des Chlamydien-Arguments.
– https://www.eurekalert.org/news-releases/1129948
Natürlicher Verlauf und Spontanheilung
Barbee LA et al. The Duration of Pharyngeal Gonorrhea: A Natural History Study. Clin Infect Dis 2021;73(4):575–582.
Belegt: mediane Dauer unbehandelter pharyngealer Gonorrhoe 16,3 Wochen (95%-KI 5,1–19,7); Grundlage sind 21 Infektionen bei 19 von 140 eingeschlossenen MSM – die Punktschätzung ist entsprechend unsicher.
– https://academic.oup.com/cid/article/73/4/575/6123922
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33513222/
Barbee LA et al. The Natural History of Rectal Gonococcal and Chlamydial Infections: The ExGen Study. Clin Infect Dis 2022;74(9):1549–1556.
Belegt: rektale Gonokokken- und Chlamydien-Infektionen dauern im Mittel zwei bis drei Monate, einzelne 6 bis 11 Monate.
– https://academic.oup.com/cid/article/74/9/1549/6342792
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34355734/
Teker B et al. Spontaneous clearance of asymptomatic anogenital and pharyngeal Neisseria gonorrhoeae: a secondary analysis from the NABOGO trial. Sex Transm Infect 2023;99(4):219–225.
Belegt: 14,5 % anal (32/221), 18,7 % pharyngeal (17/91), 23,1 % vaginal (3/13), 32,1 % urethral (9/28) bereits vor Behandlungsbeginn spontan negativ; Median sechs Tage zwischen den Visiten. Amsterdam.
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35820778/
van Liere GAFS et al. Spontaneous clearance of urogenital, anorectal and oropharyngeal C. trachomatis and N. gonorrhoeae. Sex Transm Infect 2019;95(7):505–510.
Ergänzende Kohortendaten zur Spontanheilung.
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30858330/
Screening- und Antibiotic-Stewardship-Debatte
Vanbaelen T et al. Gonoscreen: Effect of screening for N. gonorrhoeae and C. trachomatis … randomised controlled trial. Lancet HIV 2024;11(4):e233–e244.
Belegt: Nicht-Screening nicht non-inferior (IRR 1,318; 95%-KI 1,068–1,627); mehr Chlamydien-Infektionen, auch symptomatische; kein Unterschied bei Gonokokken; signifikant weniger Antibiotikaverbrauch. Zu beachten: publizierte Korrektur (Lancet HIV 2024;11(12):e804–e805) sowie eine Leserdebatte über die weite Definition „symptomatischer“ Chlamydien-Infektionen.
– https://www.thelancet.com/journals/lanhiv/article/PIIS2352-3018(23)00299-0/abstract
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38423024/
– Preprint (frei): https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2023.08.14.23294056v1
Williams E, Williamson DA, Hocking JS. Frequent screening for asymptomatic chlamydia and gonorrhoea infections in MSM: time to re-evaluate? Lancet Infect Dis 2023;23(12):e558–e566.
Belegt: Mehrheit der bakteriellen STI bei MSM asymptomatisch; Argumentation zu Screeningfrequenz und Antibiotikaverbrauch.
– https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(23)00356-0/abstract
Munday T, Jayasinghe H, Fifer H, Saunders J. Screening for asymptomatic C. trachomatis and N. gonorrhoeae in GBMSM: A scoping review. Int J STD AIDS 2026 (online 10.08.2026). doi: 10.1177/09564624261476607, PMID 42576298. UK Health Security Agency.
Belegt: 15 eingeschlossene Studien; begrenzte Evidenz für dreimonatliches Screening; höherer Antibiotikaverbrauch; Plädoyer für längere Intervalle bei sorgfältiger Community-Einbindung; ausdrücklicher Bedarf an Studien im Kontext von DoxyPEP.
– https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/09564624261476607
Vanbaelen T et al. Reversing resistance? Declines in macrolide-resistant STIs following antimicrobial stewardship interventions in Belgium. Lancet Microbe 2026;7(4):101297.
Belegt: Rückgang der Makrolid-Resistenzen bei Gonokokken und Mycoplasma genitalium nach Reduktion von Screening und Antibiotikaverbrauch. Es handelt sich um eine ökologische Beobachtung; ein Kausalnachweis liegt nach Angaben der Autorengruppe nicht vor.
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41570845/
Vanbaelen T et al. Effect of decreasing the frequency of screening … a retrospective cohort study. Lancet Microbe 2025;6(12):101214.
Ergänzend zum belgischen Strategiewechsel.
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41173019/
Berners-Lee W et al. „It does fill me with a bit of unease“: a qualitative study … reducing the frequency of screening … among GBMSM. Sex Transm Infect 2026;102(1):24–31.
Belegt: Vorbehalte in der Community gegenüber selteneren Tests – der Grund, warum Leitlinienänderungen ohne Beteiligung nicht funktionieren.
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40664501/
Antibiotische STI-Prophylaxe (Doxy-PEP)
Deutsche STI-Gesellschaft. Stellungnahme: Antibiotische STI-Prophylaxe mit Doxycyclin („Doxy-PEP“, „Doxy-PrEP“). Version 1.0, 26.06.2023.
Belegt: Abraten von breitem PrEP-Einsatz, PEP nur in abgewogenen Einzelfällen, Off-Label-Use.
– https://www.dstig.de/wp-content/uploads/2023/07/Stellungnahme_STI-Prophylaxe.pdf
ECDC. Public health considerations on the use of doxycycline for post-exposure prophylaxis for bacterial STIs in the EU/EEA. Public Health Guidance, 19.01.2026.
Belegt: kein bevölkerungsweiter Doxy-PEP-Einsatz; Fokus auf Syphilis-Prävention in Gruppen mit höchstem Risiko; ausdrückliche Warnung vor Doxy-PEP gegen Gonorrhoe wegen Resistenzlage.
Luetkemeyer AF et al. Postexposure Doxycycline to Prevent Bacterial Sexually Transmitted Infections. N Engl J Med 2023;388(14):1296–1306. – Molina J-M et al. ANRS 174 DOXYVAC. Lancet Infect Dis 2024.
Belegt: Wirksamkeit der Doxy-PEP gegen Chlamydien und Syphilis; Datengrundlage der internationalen Empfehlungen.
– DoxyPEP: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37018493/
Raccagni AR et al. Doxycycline postexposure prophylaxis may delay seroconversion in incident syphilis. Sex Transm Infect 2024;100(6):397.
Belegt: mögliche Verzögerung der Antikörperantwort unter Doxycyclin und damit Gefahr der Untererfassung von Syphilis-Fällen.
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38886053/
Impfung und Therapie
Seib KL, … Grulich AE; GoGoVax Study Team. Meningococcal B Vaccine to Prevent Neisseria gonorrhoeae Infection. N Engl J Med 2026;395(4):349–361. doi: 10.1056/NEJMoa2516739 (online 08.07.2026, Erstpräsentation CROI 25.02.2026).
Belegt: Vakzine-Effektivität −0,5 % (95%-KI −26,2 bis 19,9) bei 587 ausgewerteten Teilnehmenden; Inzidenz 48,1 vs. 47,8 Erstinfektionen/100 Personenjahre. Achtung: Dies ist die Primärpublikation – der zuvor häufig verlinkte Lancet-Infect-Dis-Beitrag ist ein Kommentar, keine Studie.
– PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42418797/
– Studienprotokoll (BMJ Open 2024;14(4):e081675): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11029339/
– Kommentar Lancet Infect Dis 2026: https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(26)00126-X/fulltext
UKHSA/DHSC. National gonorrhoea vaccination programme using 4CMenB vaccine – FAQ (Stand Juli 2026).
Belegt: Start 01.08.2025; 33–47 % Schutzwirkung in Beobachtungsstudien; JCVI-Prüfung der GoGoVax-Daten im Juni 2026 ohne Programmänderung; Hypothese zur geringeren Wirksamkeit bei Vorinfektion (26 % der GoGoVax-Teilnehmenden waren bei Screening oder Impfung Gonokokken-positiv).
– Review (J Infect 2025): https://www.journalofinfection.com/article/S0163-4453(25)00182-3/fulltext
Luckey A, Balasegaram M, Barbee LA et al. Zoliflodacin versus ceftriaxone plus azithromycin for treatment of uncomplicated urogenital gonorrhoea: phase 3, non-inferiority trial. Lancet 2026;407(10524):147–160.
Belegt: erstes neues orales Antibiotikum gegen Gonorrhoe seit Jahrzehnten.
Text: Siegi Schwarze
STI-Tests
Geschlechtskrankheiten sind gut behandelbar, wenn sie erkannt werden. Sich testen zu lassen, kann daher sinnvoll sein. Je nach Erreger und Symptomen werden verschiedene Verfahren eingesetzt, zum Beispiel die Blickdiagnose, ein Abstrich, Stuhltest, Urintest oder Bluttest. Nicht immer machen Geschlechtskrankheiten Symptome, oder Symptome werden nicht erkannt. Daher kann auch ein Routine-Test infrage kommen.


