OnlyFans
Die Grenze zwischen Social Media und Porno verliert sich
Pornografie gibt es vermutlich so lange, wie es bildliche Darstellungen von Menschen gibt. Auch Bilder von Sex zwischen Männern sind schon seit der Antike bekannt. Aber ein kurzer Blick über die Schulter zeigt, wie sehr sich unser Umgang mit dem Phänomen verändert hat. Lange war Porno an gedruckte Bilder (Magazine) oder auch Geschichten (sogenannte Einhandliteratur) gebunden. Erst ab den 1980er-Jahren kam mit Videokassetten und später DVDs Bewegung in die Sache. Mit dem Einstieg ins digitale Zeitalter musste man sich pornografische Inhalte dann nicht mehr im neutralen Umschlag zuschicken lassen oder heimlich am Bahnhofskiosk kaufen. Dafür nahm man auch die Minuten in Kauf, die es anfangs dauerte, bis sich ein einzelnes Bild Zeile für Zeile auf dem Bildschirm aufbaute. Das ganze Gewichse verlegte sich in diesen Jahren aus dem Liegen ins Sitzen, nämlich vor den Rechner. Heute scheint das Internet zu einem beträchtlichen Teil aus pornografischen Angeboten zu bestehen.
Auch erotische oder sexuelle Fotos von sich selbst waren in der Regel eine komplizierte Angelegenheit, denn im Fotoladen, in dem man solche Aufnahmen entwickeln lassen musste, war man nicht immer anonym. Das hat sich mit dem Einzug der Kameras in die Mobilfunkgeräte gewandelt. Ein Dickpic ist schnell gemacht, auch wenn das unaufgeforderte Versenden an eine andere Person nach § 184 Abs. 1 Nr. 6 StGB eine Straftat darstellt.
Was aber, wenn das Schwanzbild (oder mehr) ausdrücklich erwünscht ist? Auch damit lässt sich inzwischen Geld verdienen. 2016 gründete der Brite Tim Stokely den Online-Dienst OnlyFans. Die Idee ist simpel. Menschen können dort, ähnlich wie in anderen Social-Media-Plattformen, ein Profil anlegen, Fotos und Videos hochladen und von ihren Fans und Abonnenten Geld dafür verlangen. Inzwischen besteht ein Großteil des Contents aus erotischen oder pornografischen Inhalten. Die sind allerdings erst seit 2017 erlaubt; anfangs richtete sich die Plattform vor allem an Musiker und Influencer.
Die sogenannte Gig-Economy (keine langfristigen Beschäftigungen, sondern kurzfristige kleine Aufträge) hat längst auch die Pornoindustrie erreicht. Die gegenwärtigen Stars sind nicht mehr bei Falcon, Kristen Bjorn oder BelAmi unter Vertrag, sondern managen ihr eigenes Business auf dem Handy. 2025 gaben 378 Millionen „Fans“ rund 7 Milliarden Dollar bei OnlyFans aus. Die Zahl der sogenannten Creator, also derjenigen, die entsprechendes Material einstellen, lag 2024 bei rund 4,6 Millionen Menschen.
„Porno-Darsteller sind zu Influencern geworden und Influencer zu Porno-Darstellern“, wie es die niederländische Zeitung De Volkskrant im Juli in einer groß angelegten Reportage formulierte.
Der Ausdruck Pornografie setzt sich übrigens aus den altgriechischen Wörtern pórnē für Hure und gráphein für schreiben oder malen zusammen und macht bei allen Start-up-Euphemismen deutlich, dass es sich um Sexarbeit handelt. Die Grenzen sind inzwischen nicht mehr deutlich zu erkennen.
Text: Johannes J. Arens
Pornokonsum
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