Perverse Situationen
Vor 55 Jahren hatte der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim Premiere
Fünf Männer liegen nackt auf Matratzen. Sie rauchen und nehmen ab und zu einen Schluck aus einer großen Colaflasche. Vor ihnen liegt Daniel, der aus der Provinz nach Berlin gezogen ist und bislang erfolglos versucht hat, in der schwulen Community glücklich zu werden. In einer Kneipe hat er einen Mann kennengelernt, der in einer WG wohnt und ihn einlädt, sich diese neue Form des Zusammenlebens einmal anzuschauen. Jetzt erklären die Gastgeber ihm, was alles schief läuft mit den Schwulen.
Der Film des Regisseurs Rosa von Praunheim aus dem Jahr 1971 ist genauso sperrig wie sein Titel. Aus der heutigen Perspektive irritiert vor allem die laienhafte Sprache. Es gibt kaum Dialog im Film, die meisten Sätze klingen theaterhaft auswendig gelernt und man kann die regionale Herkunft der Darsteller erahnen. Der Tonfall der unterschiedlichen Sprecher im Voiceover erinnert an einen Naturfilm, bei dem eine exotische Spezies ausführlich beschrieben wird. Die Räume wirken mit ihrem bürgerlichen Ambiente, den gemusterten Vorhängen, Blumenvasen und Sammeltassen wie ein spießiger Albtraum. Im Hintergrund erklingt der Alexandra-Schlager „Was ist das Ziel?“.
Trotz dieser heute eher befremdlich schwülstigen Ästhetik schlug der Film bei seiner Premiere im Jahr 1971 ein wie eine Granate.
„Jetzt ist die Zeit da, in der wir uns selber helfen müssen!“, sagt einer der fünf Männer aus der Schlussszene. „Geht auf die Straße und demonstriert für eure Rechte!“ Und genau das passierte, im Anschluss an den Film formierten sich diverse Gruppen wie etwa die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) oder die Gay Liberation Front (GLF), und man kann den Film mit Fug und Recht als Initialzündung für den Auftakt der schwul-lesbischen Emanzipation in Westdeutschland verstehen.
„Schwule versuchen, die bürgerliche Ehe zu kopieren“, heißt es in dem Teil des Films, der sich mit den eher angepassten Teilen der Community beschäftigt. Danach geht es weiter mit den Tunten, den Lederkerlen und den Strichjungen, den sogenannten „Supermännern“, die im Stadtpark cruisen und den „Pissbudenschwulen“, die in öffentlichen Toiletten auf der Suche nach schnellem Sex sind. Sie alle werden unter die Lupe genommen und ihre Beziehungen zueinander und zur heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft gnadenlos analysiert.
Rosa von Praunheim und sein Co-Autor Martin Dannecker realisierten den Film im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks, gerade mal zwei Jahre nach der ersten Reform des Sexualstrafrechts, in der das Totalverbot von homosexuellen Handlungen aufgehoben worden war. Der Regisseur verstarb im Dezember 2025 in Berlin. Sein Film ist, wie die meisten seiner Arbeiten, ein politischer und aktivistischer Film und hat als solcher vor 55 Jahren hervorragend funktioniert. Heute wirkt er aus der Zeit gefallen. Aber bei aller ungewollten Komik können wir froh sein, dass es ihn gegeben hat.
Text: Johannes Arens
Rosagrafie
Manche bezeichnen ihn als den beliebtesten und manche als den unbeliebtesten schwulen Filmregisseur Deutschlands. Und dafür hat er eine ganze Menge getan. Seit über 30 Jahren nervt er nun die Nation mit seinen über 140 Filmen, endlosen Talkshows, vielen Büchern, Hörspielen und Theaterstücken. Auf seiner Website findet ihr alle Infos zu seinen weltberühmten Filmen sowie auch kleine Geheimnisse aus den Abgründen seiner Seele.

