Wenn der Kunde nicht nur für Sex bezahlt
Sexwork und Substanzkonsum
Chemsex ist eine freie Entscheidung. Sollte man denken. Klar, es gibt den Faktor Peer Pressure, und die Umstände spielen natürlich auch eine Rolle. Aber im Idealfall entscheide ich selbst, ob und was ich mit wem nehme. Aber was, wenn jemand anderes dafür bezahlt, dass ich konsumiere? Nicht nur für Tina, G oder K – sondern vielmehr dafür, dass ich das Zeug überhaupt nehme.
Die Risiken beim Chemsex sind so bekannt wie vielfältig: körperliche und psychische Abhängigkeit, Zahn- und Nasenprobleme, sozialer Rückzug. Dazu kommt durch beeinträchtigte Wahrnehmung ein erhöhtes Infektionsrisiko, etwa für Hepatitis C. Das alles muss nicht passieren – aber es kann passieren, wenn die Kontrolle verloren geht. Bei HIV Kontrovers, der Fachveranstaltung der Aidshilfe NRW im März 2026, wurde diskutiert, ob ein dauerhafter, kontrollierter Substanzkonsum überhaupt möglich ist.
Dabei sprechen wir zumeist von Menschen, die bewusste und informierte Entscheidungen für sich selbst treffen. Aber wie sieht das Risikomanagement aus, wenn auch noch andere mitreden? Auch im weiten Feld des Sexwork sind die Gründe vielfältig: Ist Konsum notwendig, um diesen Job überhaupt machen zu können? Um das auszuhalten? Oder will der Kunde, dass ich konsumiere?
Letzteres kommt vor. Marco Grober von der Aidshilfe Düsseldorf weiß das aus seiner Arbeit mit männlichen Sexarbeitern. Neben der aufsuchenden Arbeit in den beiden Kneipen der Stadt, in denen Anbahnung stattfindet, die man fast schon traditionell nennen könnte, arbeitet er in einem bundesweiten Projekt. Hier werden monatliche Online-Runden über Zoom angeboten, zu denen sich Sexworker, Stricher oder Jungs, die anschaffen, anonym und ohne Anmeldung zuschalten können. Über 50 Teilnehmende waren das zuletzt, und die Themen reichen von Gesundheitsvorsorge und Krankenversicherung bis zu Preisgestaltung und Analverkehr.
Auch das kam zur Sprache. Sexarbeit und Chemsex sind für sich genommen schon schwierige und vielschichtige Bereiche und wie so oft kommt es auf den Kontext an: Für Jungs, die in der Kneipe anschaffen, greift der Begriff nicht. „Crystal Meth, Ketamin oder GHB sind da weniger ein Thema – hier wollen Kunden bisweilen, dass die Jungs sich vorher betrinken", erklärt Marco Grober. Anders ist das bei selbstbewussteren Escorts auf Plattformen wie HUNQZ, die näher an der schwulen Community und damit auch näher an Chemsex im engeren Sinn sind. Vor allem im Fetischbereich spielt das eine größere Rolle. „Spätestens wenn es um das Thema Fisten geht, kommen schnell Substanzen ins Spiel."
Besprechbar ist das in beiden Fällen kaum – weil die Kombination zwei Tabus gleichzeitig berührt: Sex gegen Geld auf der einen Seite, Alkohol oder andere Substanzen beim Sex auf der anderen. Wer darüber reden will, braucht Worte für Dinge, die vielleicht keinen Namen haben – und den Mut, Grenzen zu ziehen.
Denn die Kopplung von Arbeit und Drogenkonsum kann problematisch werden. Drogen sind dann nicht mehr etwas, das in der Freizeit stattfindet und entsprechend gesteuert werden kann, sondern hängen unmittelbar mit dem Lebensunterhalt zusammen. Aber egal ob in der Kneipe oder im Netz, egal ob Sexarbeiter, Escorts, Stricher, Jungs, die anschaffen, oder Männer, die gar kein Wort dafür haben, was sie tun – sie verdienen Solidarität, Aufmerksamkeit und manchmal besonderen Schutz.
Die Entscheidung, ob jemand Drogen nimmt oder nicht, sollte bei jedem einzelnen liegen. Dafür müssen wir das Gespräch möglich machen
Text: Johannes Arens
LOOKS e.V.: Anlaufstelle. Beratung. Perspektive.
Looks e.V. ist die Kölner Facheinrichtung für junge Männer und trans* Personen, die der mann-männlichen und transidenten Prostitution nachgehen. Looks e.V. gründete sich im Jahr 1995 mit dem Ziel, die gesundheitliche und psychosoziale Situation von Prostituierten zu verbessern.


