Jahresempfang der Aidshilfe NRW
Auch in diesem Jahr lud die Aidshilfe NRW zum Jahresempfang ins Maxhaus in der Düsseldorfer Altstadt – und zum wiederholten Mal war der Abend das, was Landesvorsitzender Arne Kayser eine „solidarische Selbstvergewisserung" nannte: ein Treffen von Menschen, die einander herzlich und professionell verbunden sind. Rund 150 Gäste aus Mitgliedsorganisationen, Politik, öffentlichem Gesundheitsdienst, Medizin und befreundeten Organisationen folgten der Einladung – und nutzten den Abend vor und nach den Programmpunkten für einen regen Austausch.
Arne Kayser warf in seiner Rede einen kritischen Blick auf die komplexen Lebensrealitäten, in denen und mit denen die Aidshilfen arbeiten. Dabei sparte er nicht mit klaren Worten: Er erinnerte daran, dass sich aufgrund der drastischen Kürzungen in der globalen HIV-Prävention durch die Trump-Regierung eine humanitäre Katastrophe anbahne. Statt die Lücken zu schließen, habe die Bundesregierung ihre Beiträge an den Globalen Fonds um 23 Prozent reduziert.
Auf Landesebene wurden die Förderungen wieder auf das Niveau von 2024 angehoben – noch zu wenig, aber immerhin habe die Politik hier Wort gehalten. Auf kommunaler Ebene drohten hingegen erneut Kürzungsankündigungen, die sachlich nicht immer gerechtfertigt und kontraproduktiv seien. Die gesamte Rede von Arne Kayser findest du hier.
In einem Statement beleuchtete Vorstandsmitglied Birgit Körbel die Situation aus der Perspektive der Frauen – und erhielt Applaus für ihren Appell, gelebte weibliche Sexualität besprechbar zu machen. Ihr Vorstandskollege Willehad Rensmann fokussierte auf die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen HIV, Drogen und Haft – und forderte, innovative Wege wie etwa die Tolerierung von Mikrohandel ernsthaft in den Blick zu nehmen.
Raum für Erfreuliches blieb dennoch: Das zehnjährige Bestehen des Netzwerks MiSSA wurde gefeiert – ein Netzwerk, das seit einem Jahrzehnt beweist, was kultursensible Präventionsarbeit leisten kann. Und mit dem Ehrenamtspreis „merk|würdig" wurden zwei Menschen ausgezeichnet, deren Engagement besonders beeindruckt.
Durch den Abend führten Dr. Guido Schlimbach und Patrick Orth.
Talk: Wir wollen mehr Positive!
Auf dem Podium im Klosterhof des Hauses diskutierten anschließend ausgewählte Vertreterinnen aus Medizin, Aidshilfen und Ehrenamt ebenso drängende wie unbequeme Fragen: Wie können HIV-Spätdiagnosen in Deutschland verhindert werden? Welche Auswirkungen hat der Rückzug der USA und anderer Nationen aus den internationalen Netzwerken und Organisationen auf das Erreichen der 95-95-95-0-Ziele von UNAIDS bis 2030?
„Wir haben große Fortschritte gemacht, aber es hakt an der Prävention. Wenn Gelder knapp werden oder der politische Wille fehlt, leidet sie als erstes – dabei ist das genau der Punkt, an dem wir investieren müssen. Am besten funktioniert das, wenn die Communitys mitmachen. Wir müssen ihnen da begegnen, wo sie sind, und von ihnen geleitet werden.
Derzeit befinden wir uns im Krisenmodus, weil mit den USA der größte Geldgeber sein Engagement pausiert. Die Krise zeigt: Die Förderung darf nicht monopolisiert werden, und stark betroffene Länder sind zu abhängig von Entwicklungshilfe. Die Hoffnung bleibt, dass die USA an den Verhandlungstisch zurückkehren.
Grundsätzlich fehlt es weltweit nicht an Geld, sondern daran, wie wir es priorisieren. Der politische Wille ist entscheidend.“
„Oft werden Indikatorkrankheiten, etwa Gürtelrose oder Probleme mit Darm und Haut, nicht erkannt – HIV wird zu häufig verpasst. Gemeinsam mit der Universität Utrecht erforschen wir die Zusammenhänge: Wurde korrekt reagiert? Denn häufig werden Erkrankungen behandelt, ohne die Kausalitäten zu berücksichtigen.
Eine flächendeckende Zwangstestung ist schwierig, eine veränderte Haltung lässt sich schlecht erzwingen. Besser ist es, die Menschen zu überzeugen. Das beginnt mit Aufklärung: HIV ist nichts Schmutziges und sollte auch in Hausarztpraxen proaktiv angeboten werden.
Aber HIV gibt es nicht nur in gut erschlossenen Communitys. Immer mehr Menschen ohne Krankenversicherung kommen im fortgeschrittenen Stadium zu uns. In der Uniklinik werden sie behandelt, parallel leiten wir administrative Schritte ein, die zu Versicherungsschutz führen sollen – bei stationärer Aufnahme leichter als ambulant. Behandelt wird mit Medikamenten aus eigenen Beständen, gegebenenfalls auf eigene Kosten. Aufgrund der Personalknappheit ist das oft sehr mühsam.“
„Rund 92 Prozent aller Menschen mit HIV kennen ihren Status – die UNAIDS-Zielmarke von 95 Prozent ist noch nicht erreicht. HIV ist immer noch keine Krankheit wie alle anderen: Auch unter Ärzt*innen gibt es Tabus, Fehlannahmen und Vorurteile. Wir müssen den Mythos Monogamie aufgeben und das Thema besprechbar machen. Tests werden nach wie vor allenfalls als Individuelle Gesundheitsleistung angeboten, obwohl sie regulär abgerechnet werden können. Ärzt*innen müssen wissen, dass man mit HIV alt werden kann und dass es nicht schlimm ist, einen Test anzubieten. Wir brauchen niedrigschwellige und aufsuchende Testangebote. Ob die Integration in das Check-up-35-Angebot funktioniert, muss man ausprobieren – wenn nur 10 Prozent der Patient*innen darauf eingehen, wäre das schon ein großer Gewinn.“
„Die Aidshilfe-Strukturen sind finanziell und personell sehr unterschiedlich aufgestellt – das ist Stärke und Schwäche zugleich. In Oberhausen waren vor 20 Jahren schwule Männer im Vollbild Aids die Regel, inzwischen hat sich die Zielgruppe deutlich verschoben. Wir müssen unsere eigene Haltung hinterfragen: Sprechen wir alle an? Was ist etwa mit heterosexuellen Männern? Die haben wir nicht auf dem Schirm. Bei Spätdiagnosen handelt es sich oft um Frauen mit Migrationsgeschichte und weiteren Belastungen. In ihrer Versorgung wird der Fokus zu sehr auf die Medizin gesetzt – psychosoziale Faktoren fehlen. Das bedeutet viel Arbeit, die nicht zusätzlich finanziert wird. Die Zusammenarbeit mit dem ÖGD funktioniert gut, mit den Ärzt*innen muss sie noch enger werden. Ich wünsche mir mehr Wissenschaft – sie ist ein gutes Mittel, um Fördermittel zu beantragen und nachhaltige Versorgung zu sichern.“
„Als Ehrenamtlerin habe ich mehr mit den Menschen und weniger mit den Behörden zu tun. Die richtige Ansprache ist komplex: Die Schlagwörter „Behörde" und „Amt" lösen Ängste aus, eine mögliche HIV-Infektion ist ein großes Tabu. Es gibt den Mythos, dass man HIV nur bekommt, wenn man viele Sexpartner hat. In den Communitys bestehen Befürchtungen, verstoßen zu werden und die Zugehörigkeit zu verlieren. Auch der Praxisbesuch ist oft schwierig – wegen der Angst vor strukturellem Rassismus und der Ignoranz von Ärzt*innen und medizinischem Personal. Deshalb braucht es niedrigschwellige Alternativen: anonyme Testangebote auch außerhalb der großen Städte sowie Peer-to-Peer-Arbeit, etwa die Ausbildung von Gesundheitsbotschafter*innen. Ein Erfolg ist der MiSSA Cup, unser Amateurfußballturnier, das Prävention in die Communitys bringt. Eine Hürde bleibt die fehlende Regelfinanzierung.“
Verleihung Ehrenamtspreis „merk|würdig“
Abschließend wurden zwei Menschen ausgezeichnet, die durch ihr ehrenamtliches Engagement besonders hervortreten und die Aidshilfearbeit in Nordrhein-Westfalen beeinflusst und geprägt haben.
Die Kölner Bürgermeisterin Maria Helmis-Arend betonte in ihrer Laudatio auf die Youthworkerin, dass sowohl die ehrenamtlich tätigen Menschen als auch ihre Aktivität selbst es wert seien, wahrgenommen zu werden. Es sei wichtig, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen – und ein Mehrwert für die gesamte Gesellschaft, sich klug und diskursiv mit Stigmatisierung auseinanderzusetzen.
Jana Raschkowski erklärte nach der Preisüberreichung, dass ihr Engagement auf der Überzeugung beruhe, entschieden gegen Diskriminierungserfahrungen von Menschen mit HIV vorgehen zu müssen. Sie bedankte sich bei ihrer Frau für die Unterstützung.
Ein Interview mit Jana Raschkowski findest du hier.
In seiner Würdigung des seit fast einem halben Jahrhundert in unterschiedlichen Funktionen engagierten Dortmunders verwies Arndt Klocke, MdL und Kuratoriumsmitglied der Aidshilfe NRW, zunächst auf die 35 Jahre als Kassenwart im Kommunikationscentrum Ruhr (KCR), die allein schon jede Ehrung rechtfertigten. Vor allem aber sei es die Haltung, die ihn beeindrucke, so Klocke – würde sie für alle gelten, wäre die Gesellschaft ein großes Stück weiter.
In seiner Dankesrede erinnerte Frank Przibylla mit drei lebhaft geschilderten Anekdoten an die Herausforderungen der frühen Jahre der Schwulenbewegung, die ihn niemals davon abgehalten hätten, sich zu engagieren.
Ein Interview mit Frank Przibylla findest du hier.















